Hat da niemand „Besatzung“ gesagt?


Übergang Erez, Gaza Streifen. Bild (2005): Zero0000 / gemeinfrei
Die Nahost-Berichterstattung gilt schon lange als Übungsgelände für Wirklichkeitsverdreher. Ein Kommentar

Fabian Goldmann | TELEPOLIS

Irgendwann im Sommer 2007 muss es gewesen sein. Die Hamas hatte gerade die Parlamentswahlen gewonnen. Israel verschärfte seine Blockade des Gazastreifens. Und auf den Straßen stritten sich Palästinenser um das bisschen Restmacht, das die israelische Besatzung ihnen gelassen hatte. Auf dem Praktikantenschreibtisch des Ablegers einer deutschen Parteistiftung in Ramallah landete zu jener Zeit ein Schreiben des israelischen Außenministeriums.

Ein Beamter hatte dort Formulierungshilfen zum Nahostkonflikt zusammengestellt: Gaza werde nicht „belagert“, es handle sich vielmehr um „Einfuhrkontrollen“. Statt „besetzt“ wäre doch „umstritten“ ein passenderes Attribut für die Palästinensergebiete. Außerdem: „maximale Zurückhaltung“, „Recht auf Selbstverteidigung“, solche Sachen…

Als junger Praktikant, dessen Unwissen sich nahtlos in den Rest der rein deutschen Belegschaft einreihte (die palästinensische Putzfrau und Fahrer ausgenommen), wunderte ich mich damals: Die Blockade Gazas war doch keine Frage sprachlichen Ermessens, sondern völkerrechtlicher und humanitärer Fakt. Wie stellen die sich das überhaupt vor: Über die Folgen der israelischen Besatzung berichten, ohne die israelische Besatzung zu erwähnen?

Elf Jahre später wundere ich mich nicht mehr. Im Frühjahr 2018 muss man nur die Berichterstattung zum aktuellen Massaker israelischer Soldaten an palästinensischen Demonstranten verfolgen, um zu erfahren, wie es geht. Hier das nachrichtliche Minimum: An der Grenze zum Gazastreifen erschossen am 14. Mai 2018 israelische Soldaten 62 palästinensische Demonstranten und verletzten über 2500.

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