Das flüchtige Gewand des Lebens


Die Performance „vb55.01.1.nt“ von Vanessa Beecroft ist Teil der Berliner Ausstellung © Vanessa Beecroft, „vb55.01.1.nt“, 2005
Das Alte Museum Berlin widmet sich einem Material, das unser aller Schicksal ist: „Fleisch“.

Von Jörg Scheller | ZEIT ONLINE

Es heißt, wir lebten in materialistischen Zeiten. Als Beleg muss häufig die liberale westliche Körperkultur herhalten. Nichts als Frivolitäten! Oberflächenkult! Narzissmus! Profanisierung! Transzendenzverlust! Verführerisches Fleisch, wohin man sieht – in der Werbung, im Kraftraum, im Pornofilm, am Strand, im Club.

Folgt man derlei kulturkritischen Diagnosen, robotern wir heute seelenlos im Hamsterrad der Konsumkultur, fixiert auf unsere immerfort zu optimierende Körperlichkeit. In den Massenmedien geht denn auch die Rede von „Körperwahn“ um, der Philosoph Giorgio Agamben sieht die moderne menschliche Existenz gar auf „das nackte Leben“ reduziert.

Trifft es wirklich zu, dass Materialismus und Fleischeslust obsiegt haben? Sind wir mehr Körper als Seele, mehr Fleisch als Geist? Antworten auf diese Fragen findet man in kulturgeschichtlichen Abhandlungen wie Volker Demuths Fleisch oder in Themenausstellungen wie der ebenfalls lakonisch mit Fleisch betitelten im Alten Museum Berlin (1. Juni bis 31. August 2018). Man kann sich aber auch einfach zur teilnehmenden Beobachtung in ein gewöhnliches Fitnesscenter begeben.

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