Vogelfeder und Vogelflug durch die Brille des Kreationismus


Symbolbild. Bild: hippo by swatts
Warum die Kritik an der Evolution scheitert. Ein Kommentar zu: ‚Wort und Wissen‘ Special paper B-17-1

Hansjörg Hemminger | AG EvoBio

Bei dem Ende 2017 erschienenen „Special Paper“ zur Evolution des Vogelflugs handelt es sich um eine Fleißarbeit, die auf 117 Seiten eine Vielzahl von Informationen bietet. Thematisch spannt es den Bogen von der Anatomie und Physiologie der Vogelfeder über historische und neue Hypothesen zur evolutionären Entstehung von Federn und Vogelflug bis zu grundsätzlichen Überlegungen zur Methode der Modellbildung in der biologischen Evolution. Der Zweck des Papiers ist, mit der von WORT UND WISSEN bekannten argumentativen Strategie die Evolution von Vogelfeder und Vogelflug als unwahrscheinlich darzustellen. Die funktionell-morphologischen Zusammenhänge werden in Belege für ihren Kreationismus – genau genommen für „Intelligent Design“ – umgemünzt. Diese Zielsetzung wird bereits in der Einleitung (S.4) formuliert:

 

„Die Möglichkeit einer Schöpfung – einer willentlichen, zielorientierten Hervorbringung durch einen geistbegabten Schöpfer – kann nicht grundsätzlich ausgeschlossen werden. Die Festlegung auf den naturalistischen Ansatz, wonach nur Naturgesetze, Zufall und plausible Randbedingungen in Erklärungen zugelassen, ist wissenschaftstheoretisch nicht zu rechtfertigen und führt zu Zirkelschlüssen. Zahlreiche Befunde im Bau von Federn und in der Fossilüberlieferung sowie das nachhaltige Scheitern naturalistischer Entstehungshypothesen zur Entstehung von Vogelfeder und Vogelflug können als Indizien für einen Schöpfer gewertet werden.“

 

Bemängeln als Grundton

Ein Merkmal der Argumentationsstrategie wird schnell offensichtlich: Eingestreut in die lexikalische Darstellung von Daten, Methoden und Theorien finden sich Bemerkungen dergestalt, dass eine komplizierte Struktur nicht überzeugend evolutionär ableitbar und eine hypothetische evolutionäre Entwicklung nicht zu belegen sei. Die Evolution der betreffenden Strukturen sei deshalb methodisch wie inhaltlich fragwürdig. Manche dieser Anmerkungen sind schon auf den ersten Blick abwegig, wie etwa auf S.32 die Feststellung, dass ein fossil bekannter Dinosaurier wegen seiner beachtlichen Größe „für eine stammesgeschichtliche Verbindung mit Vögeln … völlig ungeeignet“ sei. Diese Behauptung zielt nicht auf die Fakten, sondern auf die Intuition von Laien, die sich eine Abstammungsbeziehung von einem tonnenschweren Theropoden zu einer Blaumeise schwer vorstellen können. Zu fossilen Indizien für die Entstehung der Vogelfeder wird im Fazit JUNKERs gesagt:

„Die größte Vielfalt an unterschiedlichen, z. T. heute nicht mehr vorkommenden Integumentanhängen (Dino-Flaum, bandartige Federn, Konturfedern) ist entgegen der evolutionären Logik gerade zu Beginn der fossilen Überlieferung der betreffenden Formen verwirklicht.“

Sollte der Befund so sein wie behauptet, stünde dem keinerlei evolutionäre Logik entgegen (falls damit theoretische Schwierigkeiten gemeint sind). Er spräche eher für als gegen eine stammesgeschichtliche Ableitung der Vogelfeder von solchen Integumenten.

Unsachgemäße Kritik tritt immer dann gehäuft auf, wenn JUNKER die Hypothese diskutiert, dass der aktive Vogelflug sich bei gleitfliegenden, baumbewohnenden Theropoda entwickelt habe. Da diese Hypothese viel für sich hat (JUNKER zitiert die entsprechende Literatur selbst), wirken die in Tab.2 aufgelisteten Gegenargumente an den Haaren herbeigezogen. Zum Beispiel liest man dort: „Gleitflug ist eher ein gegenüber dem Schlagflug abgeleitetes Verhalten.“ Angesichts der Tatsache, dass es zahlreiche Wirbeltiergruppen gibt, die konvergent zu Gleitfliegern wurden und von denen keine aktiv flugfähige Vorfahren hat, ist diese Aussage mehr als irreführend. Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass gleitfähige, kleine Theropoden aktiv fliegende Vorfahren hatten. Die einzige Begründung, die sich im Text findet, lautet, dass sich unter den aktiv fliegenden Vögeln einige Gruppen auf den Gleit- und Segelflug spezialisierten, ohne die aktive Flugfähigkeit aufzugeben. Richtig ist, dass segelfliegende Vögel auch gleiten, das heißt passiv in einem flachen Winkel abwärts segeln können. Von einem aus dem Schlagflug „abgeleiteten“ Verhalten zu sprechen, ist so unsinnig wie zu behaupten, der vierfüßige Gang sei gegenüber dem aufrechten Gang des Menschen ein evolutionär abgeleitetes Verhalten, weil Menschen (wenn es sein muss) sich auch auf allen Vieren fortbewegen können.

JUNKER nimmt dieses Argument selbst nicht ernst, denn ansonsten argumentiert er umgekehrt, nämlich dass sich aus dem Gleitflug der aktive Flug nicht habe entwickeln können. Unter anderem dient dem ein Argument, das lautet: „Bereits Gleitflug benötigt Kontrollmechanismen.“ Dass das Gleiten bestimmte motorische Fähigkeiten erfordert, ist selbstverständlich, die übrigens bereits für Baumbewohner erforderlich sind, die aktive Sprünge im Geäst ausführen. Doch warum sollte ein noch sehr rudimentärer Gleitflug Kontrollmechanismen benötigen, die über das hinausgehen, was bereits im Verhaltensrepertoire der Theropoden angelegt ist? Menschen sind keine Flieger, stammen aber von baumbewohnenden Primaten ab: Sie können problemlos lernen, mit Gleitschirmen und Drachen umzugehen, ohne dass dafür neue Hirnstrukturen nötig wären. Nichts spricht gegen eine Entwicklung von sprungfähigen Baumbewohnern zu Gleitfliegern und, über weitere funktionale Stufen, zum aktiven Flug.

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