Austritt aus der Komfortzone absoluter Gewissheiten


Man mag sich zuweilen wundern, ob Donald Trump nicht ein makroskopisches Quantensystem darstellt. Sein intellektueller, emotionaler und allgemein geistiger Zustand ist objektiv nicht bestimmbar. Er lebt sozusagen in einer Superposition aus Dialogbereitschaft und sturer Wutpolitik, sozialen Versprechungen und knallhartem Reichen-Klientelen-Lobbyismus, Charmebemühungen und Rotzbengel-Auftritten.

Lars Jaeger | TELEPOLIS

Erst die konkrete Interaktion mit einem Gegenüber, sei es politischer Gegner, Partner oder die Presse, bringt einen bestimmten Zustand in seinem Verhalten hervor, und dies auf a priori nicht determinierte Weise. Vorher ist sein Zustand vergleichbar mit dem eines Elektrons vor der Messung: nicht nur unbekannt, sondern objektiv unbestimmt. Ihm kommt keinerlei eigene substantielle Realität zu. Mag diese Parallele zwischen Quantenphysik und dem heutigen Rechtpopulismus amerikanischer Prägung auch ein wenig zu sehr dem Wunsch nach satirischer Erfassung des Unfassbaren entspringen, so lassen sich auf einer tieferen Ebene durchaus Verbindungen beider herstellen, wie im Folgenden dargelegt werden soll.

Wir können unsere Epoche, die nicht ganz zufällig vor 100 Jahren mit dem Ende des 1. Weltkrieges ihren Anfang nahm, durch zahlreiche Prädikate beschreiben. Am stärksten geprägt wurde sie in materieller und lebensalltäglicher Hinsicht eindeutig vom technologischen Fortschritt. In geistiger, intellektueller und emotionaler Hinsicht kommt ihr allerdings eine noch eindeutigere Charakterisierung zu: der Verlust der Komfortzone absoluter Gewissheiten, seien diese von religiöser, philosophischer, psychologischer oder wissenschaftlicher Natur.

Bzgl. ersterer hatte dieser Prozess bereits 150 Jahre zuvor begonnen, in einer geistigen Epoche, die wir nicht ohne Grund die „Aufklärung“ nennen. Antriebfeder dieses epochemachenden Umbruchs war die wissenschaftliche Revolution des frühen 17. Jahrhunderts – nicht zuletzt wurde das Physikgenie Isaak Newton bereits früh als erster Held dieser Epoche gefeiert.

Von nun an sollten die Phänomene und Entwicklungen in der Natur, und sogar der Mensch selbst, keiner übernatürlichen Erklärungen mehr bedürfen. Gott verlor seine Stellung als letzte und absolute Instanz der Wahrheit. Doch auch die historischen Anfänge der neuen Autorität im Tempel des Wissens, der Naturwissenschaften, liegen in der philosophischen Sehnsucht und Suche nach einer absoluten und letzten Wahrheit. Bereits bei den Vorsokratikern und spätestens mit Platon und Aristoteles waren die Grundlagen einer Metaphysik entstanden, die nach den letzten hinter den Phänomenen der Natur verborgenen absoluten Gründen und Zusammenhängen sucht. Die Naturwissenschaftler des 17. und 18. Jahrhunderts übernahmen diese bedenkenlos.

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