Es wird eine Welt geben, in der jeder an Gott glauben müssen soll


Ein in Ägypten diskutiertes Gesetz soll den Atheismus unter Strafe stellen. (Bild: Manu Brabo / AP)
Es gibt islamische Länder, die Atheismus unter Strafe stellen wollen. Und die Neurotheologie zeigt, wie sich religiöse Erfahrung nach Belieben herstellen lässt. Was folgt daraus? Ein rabenschwarzes Gedankenexperiment.

Slavoj Žižek | Neue Zürcher Zeitung

Blasphemie ist in Ägypten ein Verbrechen, das harsch bestraft wird. Es gehört längst zum Alltag, dass Leute wegen Gotteslästerung festgenommen werden. Doch nun sieht es so aus, als würde die Schraube nochmals angezogen. Allem Anschein nach arbeiten einige Vertreter des ägyptischen Parlaments seit Anfang Jahr an einem Gesetz, das den Atheismus unter Strafe stellt – es läuft unter dem Titel «Kriminalisierung des Atheismus». Schuldig ist, wer keinen Gott über sich erkennt.

Der einflussreiche ägyptische Kolumnist Khaled Salah lieferte eine Begründung für die Legitimität eines solchen Gesetzes. «Die Gefahren des Terrorismus» – so schreibt er – «sind bekannt, aber nicht viele wissen, dass Atheismus und Terror gleichermassen zerstörerisch sind. Der Atheismus schwächt die Identität der Menschen genauso. Er stellt überlieferte Glaubensformen, Kanons, religiöse Symbole, Weggefährten und Anhänger des Propheten infrage. Dies führt zuletzt zu einem Zusammenbruch ganzer Nationen und ihrer heiligen Glaubensinhalte.»

Für Salah ist es demnach nicht religiöser Fundamentalismus, der den Humus bildet, auf dem der Terror gedeiht (auch wenn dieser im Namen der Religion verübt wird). Er hält vielmehr den Atheismus für die eigentliche Bedrohung. Damit vollführt er einen echten intellektuellen Salto mortale.

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