Wer für abweichende Haltungen nur Schweigen übrig hat, verrät das Erbe der Aufklärung


Wo die Moralisten mit erhobenem Zeigefinger die «Unwissenden» zum Schweigen bringen, ist der Kampf um die Vernunft am Ende. (Bild: Imago)
Im Juste Milieu, das sich als fortschrittlich versteht, stösst man mit einer Gegenposition nicht mehr auf Widerspruch, sondern erntet eine peinliche Stille. Das ist gefährlich.

Thomas Ribi | Neue Zürcher Zeitung

Es gibt Dinge, die sind furchtbar einfach: Wer Fleisch isst, handelt verantwortungslos, wer Auto fährt und sein Haus mit Öl heizt, vergeht sich vorsätzlich an der Umwelt, und wer dagegen ist, dass die Grenzen Europas vorbehaltlos für alle offenstehen, ist ein hartherziger Egoist.

Einverstanden, ganz so einfach sind die Dinge natürlich nicht. Aber für manche sind sie es eben trotzdem. Die Signale aus dem Juste Milieu, das sich linksliberal nennt und als Vorhut des gesellschaftlichen Fortschritts versteht, sind auf jeden Fall eindeutig: Man lebt sein Leben, wie alle anderen auch, in einem prekären Dauerkonflikt zwischen Anspruch und Wirklichkeit, aber man achtet peinlich genau darauf, dass die Gesinnung unerschütterlich bleibt. Sie muss das retten, was der Alltag an Konzessionen abfordert. Man ist zumindest Flexitarier, entschuldigt sich verlegen, weil man noch kein Elektroauto fährt, und empört sich über die Unmenschlichkeit einer Migrationspolitik, die darauf pocht, dass die gesetzlichen Bestimmungen eingehalten werden.

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