Das Gehirn unter Strom wird moralisch


Ko-Autor Roy Hamilton beim Anlegen eines Geräts zur minimalinvasiven Gehirnstimulation. Bild: Penn UNiversity
Wissenschaftler glauben, mit Gehirnstimulation die Neigung zur Gewalt reduzieren zu können und diese so zur Entlastung der Gesellschaft biologisch erklären zu können

Florian Rötzer | TELEPOLIS

Wie kann man den Impuls für gewalttätiges Handeln senken oder unterdrücken? Es gab vor Entwicklung der Psychopharmaka seit Ende 1930er Jahre das Versprechen, psychische Störungen, aber eben auch Gewalttäter neurochirurgisch durch Lobotomie behandeln zu können. Propagiert wurde die teilweise Zerstörung des Gewebes zwischen Thalamus und Frontallappen vor allem vom amerikanische Psychiater Walter Freeman, der selbst tausende Menschen operierte. Es war ein Heilsversprechen, das aber den derart Behandelten schweren Schaden zufügte.

Ähnlich wie bei der Elektroschockbehandlung, die etwa zur gleichen Zeit aufkam, wusste man auch gar nicht, warum und wie die Lobotomie den Menschen helfen sollte (Technologie der Unterwerfung). Erst ab Ende der 1960er Jahre ging die Zeit der Lobotomie mit den damals verwendeten Methoden zu Ende. Noch länger praktiziert wurden stereotaktische Eingriffe bei Sexualstraftäter, bei denen Teile des limbischen Systems zerstört wurden. Und auch heute noch werden mitunter solche stereotaktische Ausschaltungsoperationen, genannt Kapsulotomie, bei schweren Zwangsstörungen als letzte therapeutische Option durchgeführt.

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