„Weniger Rettungsschiffe bedeuten nicht weniger Flüchtende, sondern nur mehr Tote“


Aquarius. Foto: Ra Boe. Lizenz: CC BY-SA 3.0
Interview mit Jana Ciernioch vom Verein SOS Mediterranee, der das Seenotschiff „Aquarius“ betreibt

Thomas Moser | TELEPOLIS

„Schließung der Mittelmeerroute“ – das ist nach der „Schließung der Balkanroute“ die Parole, die die europäischen Regierungschefs jetzt ausgegeben haben. Es geht um die Abwehr von Schutzsuchenden und Migranten aus außereuropäischen Ländern. Eine verantwortungslose wie hilflose Parole. Was technisch und machbar klingt, heißt tatsächlich: Private Rettungsschiffe mit allen Mitteln, auch ungesetzlichen, daran zu hindern, Menschen aus Seenot zu retten und sie stattdessen sehenden Auges ertrinken zu lassen. „Schließung der Mittelmeerroute“ ist der demokratische Offenbarungseid der real-existierenden Europäischen Union.

Seit dem Februar 2016 ist das deutsche Rettungsschiff „Aquarius“, das unter der Flagge Gibraltars fährt, im Mittelmeer unterwegs, um Schiffbrüchige aus dem Wasser zu bergen. Viele Tausend Menschen verdanken der Rettungscrew des Schiffes ihr Leben. Im Juni 2018 wurde die „Aquarius“ unfreiwillig weltbekannt, nachdem ihm der italienische Innenminister untersagt hatte, in einen italienischen Hafen einzulaufen und über 600 Menschen an Land zu bringen, die das Schiff auch mit Hilfe der italienischen Seenotleitstelle MRCC (Maritime Rescue Coordination Center) aus dem Meer geborgen hatte. Die „Aquarius“ steuerte daraufhin das spanische Valencia an.

Die internationale Nicht-Regierungsorganisation SOS Mediterranee, die die Aquarius betreibt, will trotz der staatlichen Angriffe auf die NGOs weiter Menschen vor dem Ertrinken retten. Das Schiff, das noch im Hafen von Marseille liegt, bereitet sich auf seinen nächsten Einsatz vor.

Stand Samstag, 7. Juli 2018: Wo ist die „Aquarius“ zur Zeit?
Jana Ciernioch: Die Aquarius befindet sich derzeit noch im Hafen von Marseille, wohin wir letzte Woche zum Crewwechsel kommen mussten, da weder Italien noch Malta uns in den Hafen ließen. Die aktuellen politischen Entwicklungen verhindern das Retten von Menschen im Mittelmeer für NGOs. Wir sind deswegen gezwungen, zuerst die Lage zu prüfen, bevor wir zurück auf See gehen. Momentan ist kein einziges humanitäres Schiff im Mittelmeer, um die Menschen zu retten und in Sicherheit zu bringen.
Heißt das, es gibt auch von den Seenot-Leitstellen, wie dem MRCC (Maritime Rescue Coordination Center), keine Hinweise auf Menschen in Seenot?
Jana Ciernioch: Dieses Jahr sind bereits über 1.000 Menschen auf der Flucht über das Mittelmeer ums Leben gekommen. Allein in den vergangenen sechs Tagen – in denen kein einziges humanitäres Schiff im Mittelmeer war – waren es mehrere hundert. Das zentrale Mittelmeer ist und bleibt die gefährlichste Fluchtroute der Welt: Laut der neusten Studie ist seit 2016 einer von 10 Flüchtenden auf der Flucht über das Meer ertrunken.