Die Wirklichkeit des Sterbens in unserer Gesellschaft


Wer seine letzten Lebenstage in einem Hospiz verbringt, wird dort häufig von Ehrenamtlichen betreut. Dabei sammeln die Sterbebegleiterinnen und -begleiter bedeutsame Lebenserfahrungen und Wissen über die Wirklichkeit des Sterbens und Trauerns.

Caroline Link Referat für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Justus-Liebig-Universität Gießen

Dieses Wissen hat in der Forschung zum Ehrenamt bislang kaum Aufmerksamkeit erfahren. In einer internationalen Studie unter Beteiligung von Prof. Reimer Gronemeyer und Dr. Michaela Fink vom Institut für Soziologie der Justus-Liebig-Universität Gießen (JLU) kamen ehrenamtliche Sterbebegleiterinnen und -begleiter zu Wort. Sie erzählen drastische, dramatische und erfahrungsreiche Geschichten, die wichtige – und bisher wenig beachtete – Rückschlüsse über den Tod und das Sterben in unserer Gesellschaft erlauben.

Die Verbundforschung zum Thema „Ehrenamtlichkeit und bürgerschaftliches Engagement in der Hospizarbeit – Merkmale, Entwicklungen und Zukunftsperspektiven“ wurde vom Deutschen Hospiz- und Palliativ-Verband initiiert und mit 180.000 Euro gefördert. Die ersten Ergebnisse der Studie sind nun in einem Buch mit dem Titel „Die Kunst der Begleitung. Was die Gesellschaft von der ehrenamtlichen Hospizarbeit wissen sollte“ veröffentlicht worden.

Das Bild von einem friedlichen Sterben sei der rote Faden, der sich durch die Erzählungen der Hospizbegleiterinnen und -begleiter zieht, so die Forscherinnen und Forscher. Je mehr religiöse Hoffnungen bei Begleiteten und Begleitenden schwinden, desto deutlicher würde das „friedliche Sterben“ zum wichtigsten Ziel. Viele Ehrenamtliche verfügten über eine bemerkenswerte situative Geistesgegenwart, die aus der Beziehung zwischen Begleitenden und Betroffenen erwachse. „Es ist bemerkenswert, dass die Wiederkehr wärmender Zuwendung und gelebter Empathie so deutlich möglich wird“, sagt Prof. Gronemeyer. „In der Konfrontation mit der letzten Lebenskrise kann jenes Einfühlungsvermögen aufblühen, dessen Fehlen im Zentrum der Gesellschaft beklagt wird. Ehrenamtliche sind die Wächterinnen und Wächter der Einfühlsamkeit am Rande des Lebens. Sie machen das Lebensende zu einer menschlichen Erfahrung von Angesicht zu Angesicht.“

Die größte Stärke vieler Ehrenamtlicher bestünde in ihrer Offenheit für das, was offen ist: Die Beziehung zu den Angehörigen, die Frage nach Hoffnung, die Frage, ob etwas über den Tod hinausweist, das Gespräch über Ängste, Wünsche, Sehnsüchte. „Damit sind sie in gewisser Weise die Zuständigen für das Unbestimmte und Unvorhersehbare“, so Prof. Gronemeyer. „Oft können sie nur zurückgreifen auf Intuition, auf Ungeübtes, auf das Jetzt.“

Der medizinische Kontext kommt in den Erfahrungsberichten der Ehrenamtlichen kaum vor. „Ehrenamtliche sind zuständig für das, was im medizinischen oder pflegerischen Handeln eher nicht zur Sprache kommt: Der Seelenschmerz, die Hoffnung oder die Hoffnungslosigkeit, Vergebung und Versöhnung oder auch die Angst um die Menschen, die man zurücklässt“, sagt Dr. Michaela Fink. „Damit sind sie mehr denn je unverzichtbar in der Versorgung am Lebensende.“ Bisweilen würden in der Begleitung die Grenzen immanenter Erfahrung gesprengt. Diese „transzendierenden Erfahrungen“ würden in den Berichten der Ehrenamtlichen großenteils weltanschaulich neutral beschrieben, unabhängig von einer bestimmten Konfession oder Religion.

Die Forscherinnen und Forscher betonen auch die gesellschaftliche Bedeutung der ehrenamtlichen Hospizbegleitung. Das überwiegend von älteren Frauen getragene Engagement leiste einen wichtigen Beitrag zum sozialen Zusammenhalt in der Gesellschaft. Aktuell sind ca. 100.000 Menschen, die meisten davon ehrenamtlich, unter dem Dach des Deutschen Hospiz- und PalliativVerbands e.V. in der Hospizarbeit und der Palliativversorgung tätig. Die meisten der Befragten haben ihr Engagement als überaus sinnstiftend und bereichernd beschrieben.

Die Teilstudie an der JLU wurde in Kooperation mit der Universität Graz (Prof. Dr. Andreas Heller) und der Universität Klagenfurt in Wien (Dr. Patrick Schuchter) durchgeführt. Sie ist Teil eines größeren Verbundprojekts, an der auch das Institut für Soziologie der Universität Augsburg (Prof. Dr. Werner Schneider) und das Zentrum für zivilgesellschaftliche Entwicklung an der EFH Freiburg (Prof. Dr. Thomas Klie) beteiligt sind.


Wissenschaftliche Ansprechpartner:

Prof. Dr. Reimer Gronemeyer
Dr. Michaela Fink
Institut für Soziologie
Karl-Glöckner-Str. 21 E, 35394 Gießen
Telefon: 0641 99-23204