Philosophie: Radikal pluralistisch


Giovanni Pico della Mirandola. Ölgemälde eines unbekannten Malers in den Uffizien Bild. wikipedia.org/PD

Mit „Neunhundert Thesen“ lud Giovanni Pico della Mirandola die Gelehrten Europas nach Rom. Aus dem Treffen wurde nichts, der Text vom Papst verboten. Eine neue Ausgabe erschließt das Plädoyer für Vielfalt.

Von Daniel-Pascal Zorn | Süddeutsche Zeitung

Im Winter des Jahres 1486 plant ein italienischer Graf aus Mirandola, einem beschaulichen Städtchen zwischen Mantua, Ferrara und Modena, eine wissenschaftliche Tagung. Nicht irgendeine Tagung – geplant ist, Gelehrte aus ganz Europa einzuladen, um mit dem Grafen die von ihm vorgelegten Thesen zu diskutieren. Die Reisekosten sollen ihnen selbstverständlich vergütet werden.

Der italienische Graf ist der Philosoph Giovanni Pico della Mirandola, von seinen Zeitgenossen wegen seines guten Aussehens und seines scharfen Verstandes als „Naturwunder“ gerühmt, „ein sozusagen göttlicher Geist“, wie der sechs Jahre jüngere Niccolò Machiavelli in seiner Geschichte der Stadt Florenz bewundernd schreibt.

Der Lobgesang ist nicht übertrieben: Pico della Mirandola ist eine echte Ausnahmegestalt in dieser Zeit von Ausnahmegestalten wie Leon Battista Alberti oder Leonardo da Vinci. Aufgewachsen als Spross einer aufstrebenden italienischen Adelsfamilie, studiert er Recht und dann sehr bald Rhetorik und Philosophie in Bologna, Ferrara und Padua. Noch als Student lernt er in Florenz Marsilio Ficino kennen, den Übersetzer Platons und Plotins.

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