Vegan Religion?


Colin Goldner, ©brightsblog
Seit geraumer Zeit überzieht Spiegel Online seine Leserschaft mit einer Reihe an Artikeln und Kommentaren, die sich kritisch mit dem Thema Veganismus befassen. Tenor der Beiträge ist durchgängig, dass es sich bei Veganismus um einen „Irrglauben“ handle, eine „Religion“, die von ihren Anhängern mit „missionarischem Eifer“ vertreten werde: schließlich sei kaum jemand nerviger, von halal oder kosher lebenden Menschen einmal abgesehen, als ein Veganer beim Grillabend. Die Rede ist von „Extremisten“, die ihre „schrulligen Ernährungsgewohnheiten zur Identität hochgejazzt haben“. Wortreich wird gewarnt vor den Mangelerscheinungen, denen Veganerinnen und Veganer unterlägen, sollten sie ihre Versorgung mit Nährstoffen nicht regelmäßig ärztlich untersuchen lassen: es drohe das Risiko „schwerer neurologischer Störungen“ und zahlloser anderer Schäden. Eltern, die ihre Kinder vegan ernähren, werden mit Salafisteneltern ineinsgesetzt, die ohne Rücksicht auf Verluste ihre radikale Ideologie verfolgten; oder auch mit der Sekte „Zwölf Stämme“, die ihre „Kinder dem staatlichen Schulsystem entzogen und auf Prügelstrafe und Demütigung gesetzt haben“.

Claudia Goldner | hpd.de

gbs-Beirat Colin Goldner lebt seit gut 25 Jahren vegan. Seit je befasst er sich auch mit der Forschung zum Thema Veganismus. Hier ein Auszug aus einem Studiogespräch, das er mit Dr.med. Peter Pommer im „Gesundheitsmagazin“ von Radio LORA 924 geführt hat.

Was bedeutet der Begriff „Veganismus“?

Der Begriff „vegan“ bzw. „Veganismus“ geht zurück auf den Engländer Donald Watson, einen überzeugten Antimilitaristen, der im Jahre 1944 in England die Vegan Society gründete

Die heutige Definition des Begriffes „vegan“ bezeichnet Menschen, die die Nutzung tierlicher Produkte nach bestem Vermögen meiden, sprich: sich rein pflanzlich ernähren. Also: kein Fleisch, kein Fisch, keine Milch, keine Milchprodukte wie Joghurt oder Käse, keine Eier.

Ethisch motivierte Veganer achten zudem auch bei ihrer Kleidung oder ihren Schuhen darauf, dass sie frei von Tierprodukten sind – also kein Leder, keine Wolle, keine Seide, keine Daunen –, und dass die verwendeten Konsum- oder Gebrauchsgüter, auch Kosmetika, ohne Tierversuche hergestellt wurden.

Tierethisch motivierter Veganismus ist also weit mehr als nur eine bloße Ernährungsvariante, er ist eine Philosophie oder Lebensart, die versucht, so weit als möglich und praktisch durchführbar, alle Formen der Unterdrückung und Ausbeutung von Tieren für Nahrung, Kleidung oder für andere Zwecke zu vermeiden und zugleich tierleidfreie Optionen und Alternativen zu entwickeln. Ethisch motivierte Veganer wenden sich natürlich auch gegen Jagd und Fischerei oder gegen die Ausbeutung von Tieren zu Unterhaltungszwecken wie im Zirkus oder im Zoo; selbstredend auch gegen Tierversuche in der Pharmaindustrie.

Allerdings gibt es auch Veganerinnen und Veganer, denen tierethische Fragen oder auch Fragen des Umwelt- oder Klimaschutzes nicht so wichtig oder auch völlig egal sind, die vielmehr in erster Linie aus gesundheitlichen Gründen vegan leben. Und nicht zuletzt gibt es auch sogenannte Lifestyleveganer, denen es vor allem um Fitness geht oder die einfach auf einem Trend mitsurfen und gut aussehen wollen. Letztlich aber profitieren alle von einer veganen Lebensweise: die Tiere, die nicht qualgehalten, geschlachtet und zu Wurst verarbeitet werden, Umwelt und Klima, die weit weniger belastet werden, und auch der Mensch selbst, der gesünder bleibt oder wird.

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