Es ist wieder ein Thema, als Jude in Deutschland zu leben


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Die dritte jüdische Generation nach dem Holocaust erhebt jetzt ihre Stimme. Der Lyriker Max Czollek will dabei an die Schmerzgrenze gehen und findet, die deutsche Gegenwart sei «immunisiert», was eine Kontinuität des deutschen Antisemitismus anbelange. Neben viel Schwarz-Weiss-Malerei gibt er auch Wichtiges zu bedenken.

Claudia Schwartz | Neue Zürcher Zeitung

«Wenn man als Jude angegriffen ist, muss man sich als Jude verteidigen», sagte Hannah Arendt in dem berühmten Gespräch mit Günter Gaus. Das war im Jahr 1964, als TV-Talks sich noch nicht in unverbindlichem Opportunismus versendeten. Der deutsch-jüdische Autor Max Czollek greift in seiner aktuellen Streitschrift «Desintegriert Euch!» auf Arendt zurück und geht an die Schmerzgrenze. Er wirft den jüdischen Institutionen in Deutschland vor, zu sehr in vorgegebenen Grenzen zu verharren und damit dem «deutschen Begehren nach Juden mit ‹Holocaust-Bezug›» entgegenzukommen. Der in solchen Fällen immer verbindlich scharfzüngige Henryk M. Broder hat diesen Umstand schon einmal als «Reue-Entgegennahme-Instanz» bezeichnet.

Dass sich der Blick auf das Judentum in Deutschland immer irgendwie um Antisemitismus drehe, ist ein Dauerthema nicht nur der innerjüdischen Debatte. Beide Seiten, die jüdische wie die deutsche, haben daran ihren Anteil in einer Art «negativen Symbiose» (Dan Diner).

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