Dschihad als Familientradition


Foto: Voyou Desoeuvre / CC BY-SA 2.0
Bis zu 300 im IS-Kalifat indoktrinierte und traumatisierte Kinder könnten mit ihren Müttern nach Deutschland zurückkehren. Die Behörden wissen nicht, wie sie mit ihnen umgehen sollen

Birgit Gärtner | TELEPOLIS

Schon Ende 2017 zeichnete sich ab, dass eine große gesellschaftliche Herausforderung für 2018 im Umgang mit den aus dem IS-Gebiet in Syrien und dem Irak rückkehrenden Frauen besteht (vgl. Die Bräute Allahs und ihre verborgenen Netzwerke). Inzwischen ist klar: Nicht nur die Frauen beunruhigen die zuständigen Behörden, sondern auch deren Kinder stellen sie vor nahezu unlösbare Probleme. Behörden gehen davon aus, dass diese Kinder gleichermaßen traumatisiert und indoktriniert sind.

Diese Indoktrinierung, auch von Kindern und Jugendlichen, findet allerdings nicht nur beim IS statt, sondern auch in den Familien im salafistischen Umfeld in Deutschland. Das macht hiesigen Behörden große Probleme, denn ganz so harmlos, wie sie gern tun, sind die im Irak inhaftierten Frauen in den salafistischen Netzwerken nicht – ebenso wenig wie ihre umtriebigen Schwestern in Deutschland.

Laut behördlichen Angaben handelt es sich mehrere Dutzend Frauen, die zurückkehren möchten und insgesamt rund 300 Kinder, die wie ihre Mütter aufgrund deren deutschen Staatsbürgerschaft das Recht auf die Einreise nach Deutschland hätten. Diese Kinder seien möglicherweise vom IS indoktriniert, so die Befürchtung.

„In IS-Propagandavideos tauchen Minderjährige auch als Kämpfer (auch als Mörder, Anm. d. Verf.) auf. Zeitweise sollen die Extremisten sogar eigene Rekrutierungsbüros eingerichtet haben, um Nachwuchs anzuwerben. Aber auch Kinder, die einer Rekrutierung entgingen, indoktrinierte der IS in Schulen mit seiner Ideologie“, schrieb die Lippische Landes-Zeitung (LZ) in einem Bericht über ein Video, auf dem die Hinrichtung eines IS-Opfer durch einen vielleicht 13-jährigen Jungen zu sehen ist.

Dass die Kinder im Einflussgebiet des IS einer speziellen Form der „Bildung“ ausgesetzt wurden, berichtete auch die Süddeutsche Zeitung (SZ) im Juni 2017:

Die Älteren gingen zur Schule oder in das, was der IS so nannte. Den Einband der Schulbücher zierten die Bilder von Kämpfern, Ideologie und Waffentraining waren wichtiger als Mathematik oder Geografie. Wer immer als Kind im Kalifat leben musste, wird die Indoktrination ebenso wie seine Erinnerungen womöglich den Rest seines Lebens nicht oder nur schwer abschütteln können.

Hilfsorganisationen vergleichen dies bereits mit dem Schicksal afrikanischer Kindersoldaten und schwer misshandelter Opfer in Kriegsgebieten. Erste Erfahrungen gibt es bereits: Psychologen berichten über das Schicksal befreiter jesidischer Mädchen, die von IS-Kämpfern als Sklavinnen gehalten wurden. Viele von ihnen sind seit der Befreiung schwer traumatisiert und suizidgefährdet.

SZ

In jedem Fall dürften die meisten dieser Kinder zutiefst traumatisiert sein. Doch diese auf Gewaltbereitschaft orientierende Erziehung findet laut Verfassungsschutz nicht nur im IS-Kalifat, sondern auch in den hiesigen salafistischen Familien statt.

Welche Gefahren von ihnen später als Jugendliche oder Erwachsene ausgeht – in zu erkämpfenden Gebieten irgendwo in der Welt oder auch vor unserer eigenen Haustür – vermag niemand zu sagen.

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