Toxizität – oder die Sprache der „Besorgten“


Grafik: TP
Die gesellschaftliche Mitte ist müde und erschöpft, die Ränder radikalisieren sich weiter. Entspricht etwas an Chemnitz einem kommenden neuen Normalzustand?

Paul Sailer-Wlasits | TELEPOLIS

Abermals war es der sprichwörtliche Funke, der ausreichte, dass die Tat das Wort überschritt und ein Mensch getötet wurde. Zurück bleiben Trauernde, eine verstörte Bundesrepublik und auch viele jener „Besorgten“, die bereits zu einem Sprachamalgam mit „rechten Gewaltbereiten“ geworden sind. Seine Individualität in der Masse aufgeben und zu einem Teil des Sprachchores zu werden, das sind nicht immer harmlose Praktiken des Begeisterungstaumels. „Massen werden zu einem Körper, zu einer Emotion und zu einem Geist“, notierte Elias Canetti vor sechs Jahrzehnten.

Der risikoreiche Übergang vom Wort zur Tat ist und bleibt ein qualitativer Sprung. Dieser ist auch nicht monokausal, sondern entspricht Vorgängen von sich gegenseitig verstärkenden Sprechakten und kumulativen Wirkungen von Sprachhandlungen; er entspringt aus semantischen Auf- und Überladungen sowie den daraus ableitbaren Handlungsweisen.

Der Prozess von der Sprachgewalt zur Gewalt durch Sprache und von dieser zur gewaltsamen Tathandlung vollzieht sich nicht mit Notwendigkeit, doch der latente Hass wird durch Sprache gleichsam „aufgeweckt“, er wird manifest. Verbale Übertretungen schreiten nicht einfach nur unbegrenzt fort – an ihrem Höhepunkt angelangt bereiten sie eine neue Dimension vor, jene der „tausend Finsternisse todbringender Rede“ (Paul Celan), in der die Tat das Wort überschreitet.

Sobald es aus sozialen, kulturellen, ethnischen oder religiösen Gründen zu einem gesellschaftlichen Zusammenbruch der Symmetrie bestehender Anerkennungsverhältnisse kommt, werden sprachliche Grenzen brachial übertreten. Häufig tritt dann auch die populistische Schlagseite der Politik mit ihrer verschärfenden Rhetorik zutage und reduziert die Komplexität der Welt durch verkürzende Sprache.

Doch die Massentauglichkeit hat einen hohen Preis. Denn der verbale Weg von der Simplifikation zum Vorurteil und vom Angstbild zur Feinbildrhetorik ist ein sehr direkter Sprachweg. Ein Weg, auf dem die Sprache des Ressentiments nahezu mühelos ethnisiert werden kann.

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