Zufall oder Zwang: Der Streit um das Wesen der Evolution


Dem Einschlag eines Asteroiden wird nicht nur die Verantwortung für das Ende der Dinosaurier zugeschrieben, er formte auch den 180 Kilometer weiten Chicxulub-Krater (imago / Leemage)
Es ist eine der größten Fragen der Biologie: Ist das Auftreten des Menschen ein unwahrscheinlicher Zufall in der Evolution? Oder musste es auf die eine oder andere Weise zwangsläufig auf die Entwicklung der menschlichen Spezies hinauslaufen?

Von Dagmar Röhrlich | Deutschlandfunk

Harry Whittington war fassungslos. Der Cambridge-Forscher hatte 1972 in einem Vortrag ein Fossil aus einer berühmten Fundstätte in den kanadischen Rocky Mountains vorgestellt, den Burgess-Shales. Die Schiefer sind mehr als 500 Millionen Jahre alt und stammen aus der Zeit der Kambrischen Explosion. Damals tauchten große Tiere scheinbar aus dem Nichts auf. Und eines war Opabinia, dessen Rekonstruktion das Publikum gerade mit einem Lachkrampf bedacht hatte. Denn Opabinia hatte fünf Augen auf dem Kopf und einen Rüssel mit Greifzange an der Spitze.

„Als in den 70er- und 80er-Jahren die ersten Rekonstruktionen der Fossilien aus den Burgess-Shales vorgestellt wurden, schienen die Körperpläne der Tiere vollkommen anders zu sein als alles, was wir kennen.“

Die Tiere erschienen fremdartig, erinnert sich Simon Conway Morris von der University of Cambridge. Und auch er war der Überzeugung, dass es von ihnen keinerlei Nachfahren gebe. Und dieser Gedanke war der Grundstein für eine wissenschaftliche Auseinandersetzung, die bis heute nachhallt:

„Stephen Jay Gould hat aus dieser Überzeugung dann die berühmte Frage entwickelt: Wenn wir zur Lebenswelt der Burgess Shales zurückkehrten und von da an das Band des Lebens neu abspielen könnten: Würde es sich zu den Formen entwickeln, die wir heute sehen? Würde es Menschen geben? Für ihn – und damals auch für mich – lautete die Antwort: Nein. Der Mensch wäre sozusagen ein Unfall in der Geschichte.“

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