Die Digitalisierung entzieht der Philosophie eine ihrer Grundlagen – am Ende ist sie deswegen aber noch lange nicht


Intelligente Maschinen sind Projektionen des menschlichen Denkorgans – diese leistungsstarken Gehirne skeptisch zu kontrollieren, ist dem Menschen allerdings nicht mehr möglich. (Bild: Matt Cardy / Getty Images)
Descartes forderte, alles zu bezweifeln, was nicht klar und deutlich erkannt werden könne. Im Umgang mit digitalen Maschinen ist dieses Postulat nicht mehr umzusetzen. Die Philosophie sieht sich daher vor ganz neuen Aufgaben: Sie muss eine Welt voller Täuschungen beschreibend erfassen.

Walther Ch. Zimmerli | Neue Zürcher Zeitung

Es vergeht kaum ein Tag, an dem wir nicht mit Erfolgsmeldungen oder Horrorszenarien im Zusammenhang mit der Digitalisierung überschüttet werden. Eine der Aufgaben der Philosophie besteht zwar darin, die sprichwörtliche rhetorische Spreu («fake facts») vom gedanklichen Weizen so weit wie möglich zu trennen. Dabei muss es ihr aber auch darum gehen, das grundstürzend Neue zu verstehen, das derzeit mit uns geschieht.

So zwingt uns die Digitalisierung beispielsweise, mit einer der dominantesten Figuren neuzeitlichen Denkens zu brechen, die der französische Rationalist René Descartes Mitte des 17. Jahrhunderts auf den Begriff gebracht hatte und die uns seither ebenso begleitet wie geleitet hat.

Nicht um den heute stark kritisierten Dualismus Descartes’ geht es dabei, sondern um den entscheidenden Beitrag, den er zur neuzeitlichen Methode geleistet hat und den wir als Descartes-Postulat bezeichnen können: Es sei alles zu bezweifeln, was nicht klar und deutlich erkannt werden könne («clare et distincte percipitur»), um so das unerschütterliche Fundament («fundamentum inconcussum») all unseres Wissens zu finden. Dabei geht es bekanntlich nicht nur um die Wahrheit, sondern vordringlich um deren reflexive Form: die Gewissheit.

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