Große Männer nerven eher


thierry ehrmann, flickr.com, CC BY 2.0
Gott ist überwunden. Aber der Glaube an das Erhabene und „große Männer“ bleibt uns treu – wohin wir auch gehen, wo hinein wir auch blättern. Zum Beispiel in diesen neu aufgelegten Atheismus-Dialog von Diderot.

Von Klaus Ungerer | hpd.de

Vom Glauben an eine Monogottheit ist uns, nachdem diese zerplatzt ist, der Glaube an das Erhabene geblieben. Wie eine Hintergrundstrahlung zieht sich die Vorstellung davon durch unsere Verrichtungen: Selbst wenn es keinen Gott gibt, sagt uns unsere Sehnsucht, so muss es doch irgendwie etwas Herausgehobenes, zu Verehrendes geben. Wenn es schon nichts Übernatürliches gibt, gebt uns doch wenigstens etwas Über-Alltägliches. Wir wollen Gefühle, so groß wie Kinoleinwände, wollen an das Magische in den Künsten glauben, wir schnitzen uns, je nach Bedarf, „große Männer“ zurecht in Politik, Kultur, Medien und Historie, die unser Bedürfnis nach Heiligenverehrung stillen, der ein uneingestandener Transzendenzwunsch innewohnt: Da kauft man dem indischen Kaufmannssohn Gandhi gern seine Selbstinszenierung als Jesus 2.0 ab, traktiert einander unter Gebildeten mit Luhmann- oder Derrida-Zitaten, um mal in die Aura eines Bildungspriesters einzutauchen. Da werden literarische Autoren zu ihren politischen Meinungen gefragt als wären sie Auguren mit tieferem Durchblick – obwohl sie doch auch nur ein Zeitungsleser voller Vorurteile sind, ganz wie du und ich, nur eben verquaster.

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