Der eingebildete Henkel


Kaffeetasse Bild: FOTOLIA / MARISA_DUBOVA

 

Wenn wir Gegenstände betrachten, nehmen wir nicht nur wahr, was wir vor Augen haben, sondern antizipieren auch, was wir noch nicht sehen können. Das kann Verwirrung stiften – etwa wenn bei einer Tasse der Henkel fehlt.

 

Von Matthias Warkus Spektrum

 

Vor einigen Jahren traf ich mich in einem Lokal in Marburg mit einer alten Freundin, um Kaffee zu trinken. Auf der Getränkekarte stand auch Chai. Damals war der mehr oder minder indische und milchige Gewürztee in Deutschland noch nicht sehr verbreitet, und ich bestellte einen, um ihn zu probieren. Der Chai kam in einer großen, eleganten Spezialtasse, auf der das Logo des Herstellers prangte.

Da der Henkel von mir weg zeigte und nicht zu sehen war, griff ich mit der linken Hand in einer fast automatischen Bewegung den Rand der Tasse und drehte sie im Uhrzeigersinn. Vermutlich habe ich dabei nicht einmal die Unterhaltung unterbrochen, solche Alltagshandbewegungen erfordern keine Konzentration. Erst als ich die Tasse zweimal komplett um sich selbst gedreht und mit der Rechten in die Leere gegriffen hatte, fiel der Groschen: Die Tasse war gar keine Tasse, sondern ein Becher. Sie hatte überhaupt keinen Henkel. Dabei war ich war mir einfach 100-prozentig, über jeden Zweifel hinaus sicher gewesen, sie müsste einen haben. Diese Sicherheit hatte sogar, könnte man sagen, über mein bewusstes Denken hinausgegriffen, denn sie leitete ja eine unbewusste Handbewegung an.

 

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