In der Kavanaugh-Saga versteckt sich das Tabu des Kampftrinkens


Fall Kavanaugh: Hintergründig dreht sich das Drama um die Frage, ob eine wilde, vielleicht auch ziemlich peinliche Vergangenheit kompatibel ist mit einer späteren erfolgreichen Karriere im öffentlichen Leben. (Bild: Andrew Harnik / AP)
Bild: Andrew Harnik / AP

 

Der Richter streitet ab, in seiner Jugend häufiger betrunken gewesen zu sein, obwohl es viele Hinweise darauf gibt. Gäbe er es zu, könnte er für sein Verhalten keine Garantie mehr abgeben.

 

NZZ

 

Was sich im Senat in der vergangenen Woche abspielte, war selbst für den stets hohen Drama-Pegel der Ära Trump atemberaubend. Die Bestätigung des Richters Brett Kavanaugh für den Supreme Court wurde nun zwar in eine Warteschlaufe gezwungen. Doch dass die Schlagzeilen dazu in dieser Zeit nachlassen, ist wohl ein frommer Wunsch.

Bekannter Kampftrinker

Dafür gibt es gute Gründe. Es geht schon längst nicht mehr um die Frage von Kavanaughs Rechtsauslegung. Die ist bekannterweise konservativ, und in einem pluralistisch-demokratischen Staat des amerikanischen Modells ist auch nichts dagegen einzuwenden, dass die Sieger bei Besetzungen der Gerichte ihrem politischen Kompass folgen. Der Auftrag an das FBI, Anschuldigungen eines sexuellen Fehlverhaltens nachzugehen, bezieht sich auf eine andere Ebene: Vordergründig geht es um die Frage, ob Kavanaugh vor der Justizkommission des Senats unter Eid log. Hintergründig aber dreht sich das Drama um die Frage, ob eine wilde, vielleicht auch ziemlich peinliche Vergangenheit kompatibel ist mit einer späteren erfolgreichen Karriere im öffentlichen Leben – und was allenfalls dabei das sprichwörtliche Fass zum Überlaufen bringen könnte.

Trotz den gegenteiligen Beteuerungen Kavanaughs sind die Indizien zahlreich, dass er in der High School und nachher, zu Beginn seiner Studienjahre, in einem Freundeskreis verkehrte, in dem das Kampftrinken vielleicht nicht die Regel, aber sicher auch nicht die Ausnahme war. Deutliche Hinweise dazu gibt es in einem Jahrbuch seiner High School, in einer Rede vor der Yale Law School und in Aussagen seiner damaligen Studiengefährten. Gerade die zwei Seiten im High-School-Jahrbuch strotzen nur so von Prahlerei über Exzesse im Alkoholkonsum und Beute bei der Jagd nach Sex. Sie sind in einem Slang abgefasst, der allen bekannt ist, die in den frühen achtziger Jahren entweder selber im entsprechenden Alter waren oder sich andernfalls die Mühe machten, etwas genauer hinzuhören.

Dieses Verhalten wurde damals relativ hemmungslos und plakativ in der Öffentlichkeit ausgebreitet. Es war cool. Das ist heute anders, auch wenn übermässiges Trinken nicht unbedingt weniger populär ist. Die Gesellschaft ist an der Oberfläche weniger tolerant, nicht nur gegenüber Alkoholexzessen, sondern generell gegenüber Verstössen gegen den gesunden, vernünftigen und möglichst risikolosen Lebensstil. Die allumfassende Fürsorge von Eltern, Ärzten und Behörden schuf einen Konsens, der zum Diktat wurde. Abweichung wird bestraft, wenn sie nicht kaschiert werden kann.

 

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