Schriftsteller Daniel Kehlmann blickt als heiterer Skeptiker auf die Gegenwart. Und sagt: «Nicht auf Facebook sein ist kein Abschied von der Zivilisation!»


Mag Netflix-Serien, bleibt aber ein Büchermensch: der Schriftsteller Daniel Kehlmann. (Bild: Beowulf Sheehan)
Bild: Beowulf Sheehan

 

Der Bestseller-Autor Daniel Kehlmann hält die sozialen Netzwerke für ein Übel, Netflix hingegen für grossartig. Und er ist sich sicher: Die Literatur wird alle Anfeindungen überleben, die heutige Verlagsbranche aber wohl eher nicht.

 

Von René Scheunzz

 

Herr Kehlmann, die Apokalyptiker haben unter Intellektuellen Hochkonjunktur, in Europa, aber auch in den USA, Ihrer gegenwärtigen Wahlheimat. Alles soll zu Ende gehen, die Aufklärung, der Kapitalismus, die Demokratie, ja gar die Menschheit. Wie stehen Sie zu den Untergangsszenarien, die auf dem Büchermarkt feilgeboten werden?

Ich bin grundsätzlich kein Apokalyptiker. Und das hat wohl einen biografischen Grund: Ich kam 1975 zur Welt, und als ich die Welt um mich herum bewusst wahrzunehmen begann, wurde erst einmal alles besser, demokratischer und fortschrittlicher. Dieser Dreiklang war damals Konsens, niemand hätte ihn infrage zu stellen gewagt. Die Diktaturen in Osteuropa brachen zusammen, die Sowjetunion verschwand, die Demokratie setzte ihren weltweiten Siegeszug fort. Es herrschte vor 25 Jahren richtig gute Stimmung – und das soll nun, sozusagen über Nacht, plötzlich vorbei sein? All die Kräfte des Fortschritts sind aber noch da. Die Lage ist allerdings komplizierter geworden.

Der damalige Optimismus war geschichtsblind und in vielem naiv, und die neue Apokalyptik dürfte sich eines Tages auch als völlig überzogen herausstellen. Wie wär’s damit: Wir leben nun einmal einfach in einer Welt, die volatiler geworden ist?

Ganz so optimistisch wie Sie bin ich auch wieder nicht. Ich stelle schon an mir selber fest, dass das apokalyptische Gefühl mich manchmal zu überwältigen droht. Aber ich halte eine gebührende Distanz zu mir selbst, darum würde ich den folgenden Satz jederzeit unterschreiben: Wir leben auch heute noch in einer ziemlich guten Welt. Die meisten Krankheiten sind besiegt, und auch im Kampf gegen den Hunger haben wir grosse Fortschritte gemacht. Ich könnte mir, ehrlich gesagt, nicht vorstellen, eine andere Epoche der unseren vorzuziehen.

 

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