«Religion vergiftet alles. Sie verleiht ein Mandat, im Namen Gottes oder Allahs alle möglichen Dinge zu begehen»


Martin Amis ist kein Autor, der sich dem Zeitgeist andient. (Bild: Murdo Macleod / Polaris / Laif)
Bild: Murdo Macleod / Polaris / Laif

 

Martin Amis, einer der wichtigsten zeitgenössischen britischen Autoren, ist kein Freund der Religion, dafür von eindeutigen Worten. Im Gespräch verrät er, wie man gegen Klischees kämpft, warum man nicht der Selbstgerechtigkeit erliegen sollte und was man von einer blutig endenden Abendgala über Terrorismus lernen kann.

 

Von Tobias SedlmaierNZZ

 

Martin Amis, vor dreissig Jahren schrieben Sie in einem Ihrer nun auf Deutsch vorliegenden Essays, dass es «nichts auf der Welt gäbe, worüber man sich mehr Sorgen machen müsse, als einen atomaren Schlagabtausch». Gilt das immer noch?

Nein, wir sind vom kontrollierten Atomzeitalter in die Ära des unberechenbaren Terrorismus eingetreten. Heute sind am meisten die unkontrollierbaren Waffen der Renegaten zu fürchten. Der marxistische Historiker Eric Hobsbawm hat das Zeitalter der nuklearen Bedrohung einmal einen «Wettbewerb der Albträume» genannt. Dieser Krieg fand bis auf wenige Ausnahmen in unseren Köpfen statt.

Während es beim Terrorismus umgekehrt scheint: Im Westen träumt man vielleicht nicht jede Nacht davon, aber realiter könnte es überall passieren.

Ich habe da eine ganz eigene Anekdote zum Terrorismus: Es war anlässlich eines PEN-Abendessens, an dem der Redaktion von «Charlie Hebdo» ein Preis für Tapferkeit verliehen wurde, ungefähr ein halbes Jahr nach dem Massaker in Paris. Im Vorfeld entflammten Kontroversen, viele Autoren blieben mutlos der Veranstaltung fern. Ich habe mit meiner Frau teilgenommen; mein Freund Salman Rushdie regte sich derweil sehr über Leute wie Joyce Carol Oates oder Michael Ondaatje auf, die nicht hingegangen sind. Ich habe mich politisch nie so rechts aussen gefühlt wie an diesem Abend. Sehr erfreut stellte ich die hohe Präsenz an Polizei mit ihren panzerähnlichen Fahrzeugen und den Helikoptern fest und dachte nur: Grossartig! Dann habe ich viel zu viel getrunken: Es war, wie alle diese Zeremonien, langweilig, und irgendwie war ich auch unruhig . . .

Sie hatten Angst und haben sich deswegen betrunken?

Ja. Zurück in unserem Haus in Brooklyn, habe ich auf der Terrasse noch einen letzten Drink zu mir genommen. Als ich irgendwann aufwachte, war ich blutbesudelt. So spätnachts wollte ich mich nicht dem grossen Leviathan des amerikanischen Gesundheitssystems unterwerfen, also bin ich erst am nächsten Tag ins Krankenhaus gegangen. Es stellte sich als harmlos heraus, ich muss mir wohl den Kopf angeschlagen haben. Die Moral von dieser Geschichte (zitiert aus einem seiner Essays, Anm. Red.): Die grösste Gefahr des Terrorismus liegt nicht in dem, was er vernichtet, sondern darin, wozu er provoziert. Im Fall meiner kleinen Parabel dieses aus Trunkenheit entstandene Missgeschick.

 

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