Die Kirche und die Kriegslust von 1914


„Gott mit uns“ stand 1914 auf den Fahnen und Gürteln der deutschen Soldaten. Als sie in den Ersten Weltkrieg zogen, war die evangelische Kirche ein Teil der begeisterten Massen – 100 Jahre später ist das kaum denkbar. Der Berliner Kirchenhistoriker Christoph Markschies spricht über den langen Weg des Protestantismus hin zu einem kritischen Verhältnis zu Krieg und Militär.

Thomas Schiller | evangelisch.de

Nach dem Beschluss zur Mobilmachung am 1. August stimmten tausende Menschen, die vor das Berliner Schloss geströmt waren, „Nun danket alle Gott“ an. War damals noch Protestantismus gleichzusetzen mit Patriotismus?

Markschies: Religion ist ja nie so einfach zu trennen von anderen Dimensionen menschlichen Lebens. Zur Religion gehörten auch damals nicht nur der Sonntagsgottesdienst und die Kasualien wie Taufe, Konfirmation, Hochzeit und Beerdigung. Sie umfasste die Gesamtwirklichkeit des Lebens – und damit auch das patriotische Leben vieler Deutscher. Insofern implizierte Protestantismus auch ganz selbstverständlich Patriotismus.

Die Masseneuphorie der ersten Kriegstage ist als „Augusterlebnis“ in die Geschichte eingegangen. Welche Rolle spielte dabei die Kirche?

Markschies: Die Kirche war in vorderster Front bei der Erweckung des Nationalbewusstseins mit dabei – wie andere gesellschaftliche Kreise auch. Sie war zugleich ein selbstverständlicher Teil der euphorisierten Massen und hat mit den ihr zur Verfügung stehenden Mitteln diese Euphorisierung noch befördert – mit Predigten beispielsweise. So wurde etwa die Neutralität Belgiens zur „quantité négligeable“, zur vernachlässigbaren Größe, erklärt. Der renommierte Berliner Theologe Reinhold Seeberg hat bis 1918 die These vertreten: Wenn man im Zuge der „Verteidigung des Vaterlandes“ einen belgischen Soldaten erschießt, vollstreckt man das Werk der Nächstenliebe Christi an ihm.

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1 Comment

  1. Kritisches Verhältnis zu Krieg und Militär, Herr Schiller?

    Was hat die evangelische Kirche denn aus dem Wahnsinn des 1. Weltkriegs gelernt? Große Teile haben die Männer genauso in den 2. Weltkrieg hineingebetet („Die unrühmliche Rolle der Evangelischen Kirche im 3. Reich).

    Und heute? Ex-Pfarrer Gauck, Bundespräsident Steinmeier (reformierte Christen) und die „Verteidigungsministerin“ von der Leyen (evangelisch) nennen es heute „Verantwortung übernehmen“ und trommeln für Kriegseinsätze (Deutsche Soldaten am Hindukusch: Die Gefallenen – eine traurige Liste).

    Und Jesus konnte übers Wasser laugen.

    Wer’s glaubt wird seelig.

    https://volkundglauben.blogspot.com/2014/02/deutschland-soll-mehr-verantwortung.html

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