Denis Diderot erklärt deutsch und deutlich, warum die Moral keinen Gott braucht


Denis Diderot (1713–1784), porträtiert vom russischen Maler Dmitry Grigorevich Levickij.

Auch wer nicht an eine höhere Macht glaubt, kann ein guter Mensch sein: Das legt Denis Diderot in einem kleinen Dialog dar. Hans Magnus Enzensberger hat das Büchlein aus dem Jahr 1774 nun erstmals ins Deutsche übersetzt.

Claudia Mäder | Neue Zürcher Zeitung

Atheisten – das sind doch Mörder und Diebe! Anders kann es sich die Marschallin de Broglie einfach nicht denken. Menschen, die sich tugendhaft verhalten, meint die tiefreligiöse Dame, müssten zwangsläufig an Gott glauben. Denn täten sie es nicht, hätten sie keinen Grund, ihre lasterhaften Leidenschaften zu zügeln, und würden demnach nach Herzenslust den verderblichsten Dingen frönen. Aber wie ist denn da dieser Monsieur Crudeli zu verstehen? Der Herr, der kurzzeitig im Haus des Marschalls de Broglie zu Besuch weilt, ist bekanntermassen ein Mensch, «der an gar nichts glaubt». Doch zugleich kann er ohne jeden Zweifel belegen, dass er weder stiehlt noch plündert oder tötet und sich in all seinem Tun wie ein Ehrenmann verhält.

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