Kristina Hänel: „Das kann man mit erwachsenen Frauen nicht machen“


foto: apa/dpa/boris roessler Kristina Hänel: „Die Macht der Männer über Sexualität und Fruchtbarkeit der Frauen scheint schwer aufzugeben zu sein.“
Die Ärztin ist überzeugt, dass restriktiv Gesetze keine Schwangerschaftsabbrüche verhindern, und kämpft gegen das Informationsverbot

Interview Brigitte Theißl | dieSTANDARD

Kristina Hänel hat einen vollen Terminkalender: Wenn die Ärztin sich nicht gerade ihren PatientInnen widmet, beantwortet sie Presseanfragen, diskutiert im Radio mit PolitikerInnen oder informiert auf Twitter über aktuelle Protestveranstaltungen. Die 62-jährige Allgemeinmedizinerin, die in ihrer Gießener Praxis auch Schwangerschaftsabbrüche durchführt, ist das Gesicht des Kampfes gegen Paragraf 219a, der in Deutschland „Werbung“ für Abtreibung unter Strafe stellt (Geldstrafe oder Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren). 2017 war Kristina Hänel wegen entsprechender Hinweise auf ihrer Webseite zu einer Geldstrafe von 6.000 Euro verurteilt worden. Sie legte Berufung ein, scheiterte damit im Herbst jedoch vor dem Landgericht Gießen. Entmutigen lässt sich Hänel davon nicht: Gemeinsam mit Kolleginnen und feministischen Aktivistinnen kämpft sie für Rechtssicherheit für ÄrztInnen und bessere Bedingungen für Frauen, die eine Schwangerschaft nicht austragen wollen.

STANDARD: Die große Koalition in Deutschland hat vor kurzem ein Kompromisspapier zum umstrittenen Paragrafen 219a vorgelegt. Die geplante Reform bezeichnen Sie in einer Aussendung als „Nullnummer“. Sind Sie von der Regierung enttäuscht?

Hänel: Ja, ich habe mir mehr erwartet. Ich hätte mir zumindest erwartet, dass tatsächlich ein Kompromiss vorgestellt wird, und nicht, dass die radikalen Teile der CDU/CSU sich auf ganzer Linie durchsetzen. Von der angekündigten Rechtssicherheit für uns Ärztinnen und Ärzte sehe ich nichts. Unter dem Strich bedeutet es, dass meine Website weiterhin strafbar bleibt.

STANDARD: Ihr Fall hat international für Aufsehen gesorgt und in Deutschland eine breite Debatte über Schwangerschaftsabbruch ausgelöst. Warum wird die jahrzehntelang bestehende Regelung erst jetzt diskutiert?

Hänel: Weil der Paragraf 219a nie beachtet wurde. Als Abtreibung unter bestimmten Bedingungen straffrei gestellt wurde, wollte man trotzdem Restriktionen ins Gesetz schreiben. 219a geriet in Vergessenheit, bis ihn Abtreibungsgegner entdeckten und begannen, Ärzte zu jagen. Hunderte Ärzte sind bereits angezeigt worden, die meisten Verfahren wurden allerdings eingestellt.

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