Soziologie und Kolonialismus: Jenseits von Europa


Ein Jahr, bevor Norbert Elias hier seine Professur antrat: Königin Elisabeth II und der Duke von Edinburgh 1961 in Ghana. Bild: Picture-Alliance
Norbert Elias, Pierre Bourdieu, Georges Balandier: Im Zeitalter der Dekolonialisierung war die „koloniale“ Soziologie Avantgarde ihres Faches.

Von Andreas Eckert | Frankfurter Allgemeine Zeitung

Zum Titel eines Professors der Soziologie brachte es der Emigrant Norbert Elias nicht in England, sondern in Afrika. Nach seiner Pensionierung in Leicester wirkte er von 1962 bis 1964 am University College von Ghana. In dem gerade unabhängig gewordenen westafrikanischen Land leitete Elias ein ausgedehntes Projekt zur Untersuchung der sozialen Auswirkungen der Zwangsumsiedlungen für den großen Staudamm im Voltafluss, das Vorzeigeprojekt des jungen Ghana.

Auch zahlreiche andere Soziologen haben in der Phase des Spätkolonialismus und der frühen Unabhängigkeit in den französischen und britischen Kolonien vor allem in Afrika gewirkt. Der später berühmteste Vertreter dieser Gruppe war Pierre Bourdieu. Der studierte Philosoph absolvierte nach der Pariser Promotion in Algerien während des blutigen Dekolonisationskrieges seinen Militärdienst und blieb nach der Soldatenzeit vor Ort, um Forschungen zur Transformation der städtischen und ländlichen Welt anzustellen. Insbesondere die Berbergesellschaften fanden sein Interesse. Er betrieb unter den Bedingungen des Krieges intensive und zum Teil riskante Feldforschung.

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