Wir sind, was volkt!


Neofaschisten skandieren griffige Parolen und offenbaren darin ihr gestörtes Verhältnis nicht nur zur deutschen Sprache, sondern auch zu deren Bedeutungsinhalten. Aber nicht nur das!

Richard Winterstein | TELEPOLIS

„Wir sind das Volk!“

Der Klassiker! In der Vorwendezeit sollte diese Parole die herrschende Partei und die Staatsgewalt der DDR daran erinnern, dass es – „das Volk“ – etwas andere Vorstellungen über gutes Regiertwerden hatte, als die DDR-Oberen sich das ausgedacht hatten. Dass sich das DDR-„Volk“ in wesentlichen Teilen gegen seine eigene Herrschaft und auf die Seite des westdeutschen Klassenfeindes stellte, war für diese, die sich doch als genuine Vertreterin der DDR-Arbeiterklasse verstanden, der ideologische und politische Super-Gau schlechthin.

In der abgewandelten Form „Wir sind ein Volk“ bezogen die ostdeutschen Skandierenden die westdeutschen Brüder und Schwestern in ihren Wunsch nach „Wiedervereinigung“ mit ein! Die schon in den Jahrzehnten davor existierenden Ansprüche der westdeutschen Regierung auf die Oberaufsicht über das gesamte deutsche Volk hatten ihre Wirkung nicht verfehlt. Das DDR-„Volk“ konnte also getrost davon ausgehen, dass es mit seiner Bereitschaft, unter die westdeutschen Herrschaftsfittiche zu flüchten, im Westen bei allen maßgeblichen Politikern offene Türen einrennen würde.

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