Denken ist keine Sünde


Sitz der Weisheit? Leonardos Schädelschnitte zur Bestimmung des „senso communis“ (1489) © akg-images
Leonardos Anreger: Seit Ende des Mittelalters begannen Philosophen und Theologen die Kontrollmacht der Kirche zu bestreiten und zur freien Welterforschung aufzurufen.

Von Thomas Assheuer | ZEIT ONLINE

Alles Neue, auch eine Revolution, kommt nicht über Nacht, das Neue ist längst da, noch bevor das Alte die Bühne verlassen hat. Unerhörte Gedanken machen schon die Runde, Ketzer und merkwürdige Philosophen treten zum Ausgang des Mittelalters auf, komische Vögel und Wanderprediger. Neunmalklug reden sie daher, die Obrigkeit hält sie für gefährliche Spinner. Einer dieser Aufrührer, ein Mönch und Vielschreiber, fantasierte noch im Arrest von einem neuen Zeitalter, von Unterseebooten, von Wagen ohne Pferde und fliegenden Maschinen mit künstlichen Flügeln.

Der Mann hieß nicht Leonardo da Vinci, sondern Roger Bacon, ein englischer Franziskaner, Philosoph und Naturwissenschaftler (1214/20–1292). Bacon war einer jener Visionäre, die beweisen, dass die Renaissance begonnen hatte, lange bevor von ihr die Rede war. Bacon sprühte vor Ideen, und sein Programm war kristallklar: Das spekulative Denken ist eine Sackgasse, mit ihr allein kommt die Menschheit nicht weiter. Sie benötigt Wissen, sie muss forschen und experimentieren, Philosophie, Kunst, Technik sollen nützlich sein. Der Mensch ist nicht fürs Elend geboren. Gott will das nicht.

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