Die „entjudete“ Bibel: Interview mit Religionswissenschaftler Dirk Schuster zur Schaffung einer „entjudeten Bibel“ in der NS-Zeit


Propaganda der „Deutschen Christen“ in Berlin (Bild: Bundesarchiv, Bild 183-1985-0109-502 / CC-BY-SA)
Es ist ein dunkles Kapitel in der Geschichte der evangelischen Kirche in Deutschland: Im Jahr 1939 gründeten elf evangelische Landeskirchen im thüringischen Eisenach das „Institut zur Erforschung und Beseitigung des jüdischen Einflusses auf das deutsche kirchliche Leben“. Ihm gehörten rund 200 Kirchenvertreter, Wissenschaftler und Pfarrer an. Der Potsdamer Religionswissenschaftler Dirk Schuster hat sich in seiner Promotion mit dem protestantischen „Entjudungsinstitut“ beschäftigt. Bei einem Vortrag im Jüdischen Museum Augsburg am Donnerstag (14. Februar) spricht er über das Selbstverständnis des Instituts und über das Buch „Die Botschaft Gottes“ – eine „entjudete“ Bibel, die das Institut 1940 veröffentlichte.

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Herr Schuster, wenn Jesus in der „entjudeten Bibel“ nicht mehr Jude war – was war er dann?

Dirk Schuster: Er wurde zum Arier gemacht. Die entjudete Bibel wurde begleitet von zahlreichen wissenschaftlichen Veröffentlichungen. Mit teils skurrilen Beweisführungen zeigte man darin, dass Jesus nicht-jüdisch sei. So wurde etwa behauptet, dass Galilea eine der möglichen Ursprungsregionen der Arier war. Die Juden seien erst 150 vor Christus dort gesiedelt und hätten die Bevölkerung zwangsjudaisiert. Dass Jesus‘ Eltern Juden waren, sei daher nur einem Konfessionswechsel geschuldet. Aus rassischer Perspektive betrachtet seien sie Arier gewesen – und damit auch Jesus. In diesem Sinne wurde die Bibel umgeschrieben. Das Alte Testament ließ man weg, ebenso jene Teile im Neuen Testament, die nicht zur Lehre vom „arischen Christentum“ passten. Nur Berichte, in denen die Juden schlecht wegkamen, blieben drin.

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