«Die liberale Demokratie hat mehr zum menschlichen Glück beigetragen, als Buddha es je getan hat»


An die Stelle der alten Metaphysik und der reinen Sprachanalyse setzte Richard Rorty eine Art philosophische Gelassenheit. (Bild: Steve Pyke)
Er entzauberte die grossen Metaphysiker und war ein Meister der feinen Ironie: der amerikanische Philosoph Richard Rorty (1931–2007). Die Demokratie verteidigte er ebenso wie den Kapitalismus – weil alle anderen Ordnungen noch schlechter seien. Wir publizieren eines seiner letzten Gespräche erstmals auf Deutsch.

Robert P. Harrison | Neue Zürcher Zeitung

Herr Rorty, was ist das, die analytische Philosophie?

Die analytische Philosophie startete als Reaktion gegen den Versuch, die wahre Natur der Wirklichkeit zu benennen. Das wurde als Metaphysik verurteilt, als unerwünschtes und unmögliches Unternehmen. Die Idee bestand darin, der Metaphysik über die Analyse von Sprache ein Ende zu setzen und der ganzen Philosophie ein Ende zu bereiten. Das passierte zwar nicht, aber diese Idee war es, die der Bewegung ihren Glanz verlieh.

Was geschah stattdessen?

Die Metaphysik erlebte gewissermassen eine Wiedergeburt innerhalb der analytischen Philosophie. Nachdem die Leute über Jahrzehnte Probleme «aufgelöst» und die «Begriffsverwirrung» offengelegt hatten, wurden sie dieses Verfahrens überdrüssig. Sie sagten dann: Nein, eigentlich möchten wir die Natur der Wirklichkeit ergründen, aber die Wissenschaft sagt uns das zum Glück ja schon – es sind Atome und das Leere. Alles besteht aus physikalischen Elementarteilchen. Leute wie ich sagen dagegen: Es gibt keine wahre «Natur der Welt», die Wissenschaft zeigt sie uns nicht, auch nichts anderes zeigt sie uns.

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