Versammeln, vernetzen, diskutieren – die Deutsche Islam Akademie


Wer im Januar dieses Jahres in der Katholischen Akademie Berlin die Veranstaltung „Individualismus und Religion. Muslimische und christliche Stimmen“ besuchte, rieb sich angesichts des Durchschnittalters der Teilnehmenden erstaunt die Augen. Zur ersten Kooperationsveranstaltung zwischen der Deutschen Islam Akademie (DIA) und der Katholischen Akademie Berlin erschien die Zielgruppe der DIA zahlreich. Viele junge Muslime kamen zusammen, um mit katholischen Christen und anderen Interessierten über das Verhältnis von Tradition, Gemeinschaft und Individualismus zu diskutieren.

Dr. Hanna Fülling | EZW

Die Deutsche Islam Akademie ist eine recht junge Organisation, die sich selbst als eine Diskussionsplattform von und für Muslime beschreibt. Sie möchte ein „Ort des Versammelns, Vernetzens sowie der Spiritualität und der Reflexion sein“. Sie spricht gezielt Jugendliche und junge Erwachsene an und möchte sie durch Projekte und Förderungen in der Entfaltung ihrer Fähigkeiten und ihrer Persönlichkeit unterstützen.

Zudem fokussiert die Akademie Fragen und Prozesse rund um die islamische Theologie in Wissenschaft und Gesellschaft und versteht sich als Brückenbauer zwischen Muslimen und der Mehrheitsgesellschaft sowie als Diskursbegleiter. Dieses breite inhaltliche Spektrum korrespondiert in der DIA mit einer Vielzahl an Organisationformen, wie Symposien, Tagungen, Seminaren, Diskussionsrunden, Workshops, interreligiösen und -kulturellen Begegnungen, Kunst- und Kulturveranstaltungen, spirituellen Begegnungen, Bildungsreisen und Summer Schools. Sie schließt mit diesen Angeboten eine Leerstelle in Berlin. Unterstützt wird sie dabei finanziell etwa durch Veranstaltungsförderungen der Senatskanzlei für Kultur und Europa oder von der Landeszentrale für politische Bildung.

Die DIA wurde vor gut einem Jahr als Verein gegründet. Die Vorsitzende Pinar Cetin gibt an, dass sich bisher ca. 60 junge Musliminnen und Muslime für das Projekt engagieren (vgl. Krumpholz). Cetin ist in Berlin keine Unbekannte. Die Politikwissenschaftlerin hat sich jahrelang in der Sehitlik Moschee am Columbiadamm in Berlin-Neukölln und in interreligiösen Foren engagiert. Im vergangenen Jahr berichteten viele Medien über Cetin, weil sie von DITIB-Funktionären aus der Moschee verwiesen wurde, während sie ein Schülerprojekt gegen Radikalisierung durchführte.

Inzwischen arbeitet sie gemeinsam mit anderen Engagierten daran, Muslimen einen Raum zu schaffen, um über ihre Religiosität zu sprechen, ihre interne Diversität zu diskutieren und diese im Kontext einer multireligiösen Gesellschaft zu verorten. Dazu lud die Kooperationsveranstaltung mit der Katholischen Akademie ein. In den Diskussionsbeiträgen wurden die interne Frömmigkeits- und Glaubensdiversität sowie ihre wechselseitige Bezogenheit zur Tradition und Glaubenslehre herausgestellt. Neben wissenschaftlichen Erläuterungen zur Frömmigkeitsvielfalt und der Beziehung von Individualität und Gemeinschaft, beschrieb Furat Abdulle in einer persönlichen Stellungnahme, wie ihre Selbstbestimmung als Muslima durch die Bilder eines homogenen Islams verengt werde. Energisch regte sie einen differenzierteren Blick auf die religiöse Vielfalt der Muslime und ihrer unterschiedlichen Bezugnahme auf die Tradition und die universale islamische Rechts- und Werteordnung an.

Einen differenzierten Blick auf Muslime versucht die DIA dadurch zu stärken, dass sie zum einen durch Diskussionsveranstaltungen ihren Blick auf die interne Diversität unter Muslimen richtet und zum anderen durch AGs zum Tier- und Umweltschutz und zum Ehrenamt auch nicht-religiöse Angebote für junge, muslimische Personen schafft.

Die Relevanz der Arbeit der Akademie wurde bei der Veranstaltung in der Katholischen Akademie deutlich erkennbar. Sie eröffnete zwei Religionsgemeinschaften die Möglichkeit, um über ihre je eigene Religiosität und ihre Beziehung zur Tradition auf wissenschaftlicher Ebene zu reflektieren und dadurch mehr über den anderen zu erfahren. So mag es anwesende Muslime verwundert haben, wie viel Diversität unter dem Dach der katholischen Kirche möglich ist, wohingegen die anwesenden Nicht-Muslime muslimische Vielfalt ganz konkret durch die Teilnehmer und Interessierten der DIA erfahren konnten. Es bleibt zu wünschen, dass ein solcher wechselseitiger Lernprozess weiter fortgeführt wird und eine differenzierte und faire Wahrnehmung des Gegenübers dadurch auf beiden Seiten gefördert wird.