Der Zoologe Josef Reichholf: «Darwins Werk ist keine Bibel»


Charles Darwin. Naturkundemuseum Berlin. Bild: bb
1859 hat Charles Darwin mit seinem Buch «Der Ursprung der Arten» eine geistige Revolution eingeläutet. Nach über hundert Jahren ist das Werk nun erstmals wieder neu ins Deutsche übersetzt worden. Welche Bedeutung hat die Evolutionstheorie heute?

Dieter Hintermeier | Neue Zürcher Zeitung

Herr Reichholf, Sie haben massgeblich an der jüngst erschienenen Neuübersetzung von Charles Darwins «Der Ursprung der Arten» mitgearbeitet. Warum brauchte es eine neue Übersetzung?

Die alten Übersetzungen entsprechen den heutigen Begriffsinhalten nicht mehr gut genug. Auch der Stil hat sich geändert. Wirkt ein Text veraltet, nimmt die Neigung, ihn zu lesen, entsprechend ab. Darwins Hauptwerk ist aber zu wichtig und weit über den Bereich der Biologie hinaus zu bedeutsam, um es einfach verfallen zu lassen. Hinzu kommt, dass jede Übersetzung aus ihrem Zeitgeist heraus das Original verändert und auf subtile Weise auch verfälscht.

Was kann man heute als Wissenschafter noch von Darwin lernen?

Viel, sehr viel sogar. «Der Ursprung der Arten» ist eine Fundgrube, denn Darwin hat geradezu enzyklopädisch das biologische Wissen seiner Zeit zusammengefasst, auch jenes, das ihm in Briefen und Zusendungen persönlich zugetragen worden war und daher nicht in den wissenschaftlichen Veröffentlichungen zu finden ist. So manche vermeintliche Neuentdeckung unserer Zeit ist bereits bei Darwin beschrieben worden oder angedacht zu finden. Offenbar wird Darwin zu wenig gelesen.

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