Befehlshaber aller Gläubigen“: Erdogans schräge Träume von einem türkischen Kalifat


Abdülmecid II. (1868-1944) war der letzte Kronprinz der Osmanen und von 1922 bis 1924 ihr letzter Kalif Quelle: Wikipedia/Library of Congress
Mit einem Beschluss der Nationalversammlung schaffte Kemal Atatürk im März 1924 das Kalifat der Osmanen ab. Seitdem diskutieren Muslime, ob sie einen neuen „Nachfolger“ des Propheten brauchen.

Von Boris Kálnoky | DIE WELT

Klaglos folgte die Große Türkische Nationalversammlung dem Antrag von Mustafa Kemal Atatürk und beschloss am 3. März 1924 die Abschaffung des Kalifats, das als letztes Amt dem osmanischen Kronprinzen Abdülmecid II. noch geblieben war. Sein Vetter und Vorgänger Mehmed VI. war nach der bereits 1922 erfolgten Aufhebung des Sultanats ins Exil gegangen. Im Oktober 1923 folgte die Ausrufung der Republik, in der Religion und Staat getrennt sein sollten.

Mit dem Ende des Kalifats riss der Gründer der modernen Türkei ein tiefes Loch ins Gewebe der muslimischen Weltgemeinschaft. Der Prophet Mohammed hatte damit formal keinen Kalifen (Nachfolger) mehr als religiös-weltlicher Führer der Rechtgläubigen. Seither diskutieren Muslime, ob sie wieder ein weltweites Oberhaupt wählen sollten. Manche versuchen es mit Gewalt – zuletzt der Islamische Staat, dessen Führer Abu Bakr al-Baghdadi sich im Jahr 2014 selbst zum Kalifen ausrief.

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