Am Anfang stand der Sozialdemokrat Sarrazin


Bild Thilo Sarrazin: Lesekreis / Public Domain
Die Zeit-Autoren Christian Fuchs und Paul Middelhoff postulieren ihrem Buch Das Netzwerk der Neuen Rechten die Entstehung eines politischen Phänomens, das ihnen Angst macht.

Reinhard Jellen | TELEPOLIS

Herr Middelhoff, die schreiben, dass sich innerhalb der letzten 5 Jahre Deutschland in Bezug auf die politische Rechte tiefgehend verändert hat. Was genau hat sich verändert und wie macht sich das, auch im Alltag bemerkbar?

Paul Middelhoff: Wir verorten den Beginn dieser Veränderung im Erscheinen von Thilo Sarrazins Buch „Deutschland schafft sich ab“ im Jahr 2010. Das Buch spaltete die deutsche Gesellschaft: Auf der einen Seite standen die Empörten, die Sarrazins Thesen über Migration und den Islam als rassistische Schmähung empfanden. Auf der anderen Seite standen die, die ihre eigenen Vorurteile wohl bestätigt sahen. Das Buch verkaufte sich 1.5 Millionen Mal, es war ein riesiger Erfolg und trug erst zu einer Verunsicherung bei: So ein Text erfährt in Deutschland solchen Zuspruch?

Im Februar 2013 dann gründete der Hamburger Wirtschaftsprofessor Bernd Lucke mit ein paar Kollegen in einem Gemeindesaal in Oberursel die AfD. Zu Anfang ging es ihnen um Kritik am Euro und einer konservativen Alternative zu einer CDU, die zusehends in die Mitte gerückt war. Doch der Partei, das zeigen unsere Recherchen, traten innerhalb kurzer Zeit auch viele stramme Rechte bei, teilweise sogar Rechtsradikale und ehemalige Neonazis.

Lucke bekannte zwar immer, dass die AfD für solche Ansichten nicht zugänglich sei. Gleichzeitig aber entglitt ihm die Kontrolle über seine Partei, sie wurde rechter, erst durch Frauke Petry und noch rechter, bis schließlich kurz vor der Bundestagswahl 2017 Alexander Gauland und der völkische Flügel die Kontrolle übernahm. Gleichzeitig zog die Partei in einen Landtag nach dem anderen ein, wurde immer größer und erfolgreicher.

Den Aufstieg der AfD begleiteten immer mehr Zeitschriften, Burschenschaften und rechte Thinktanks, sie bejubelten jeden Wahlsieg und erfuhren selbst plötzlich großen Zulauf: Ihre Texte wurden immer häufiger im Netz geklickt, immer mehr Menschen kamen zu ihren Veranstaltungen. Sie diskutierten eine angebliche Entmündigung deutscher Bürger durch die EU und forderten eine Rückkehr zum konservativen Familienbild aus Mutter, Vater, Kind.

Seit 2015 aber ist es vor allem die Wut auf die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung, die diese Bewegung eint. Ihre Anhänger sehen im Islam eine kulturfremde Bedrohung des Abendlandes und im politischen System des Landes ein „abgewracktes Establishment“. Der Ton wird immer schärfer, Teile der Strömung fordern ganz offen den Umsturz. Wie etwa der Verleger Götz Kubitschek, der einmal schrieb, er wolle keinen gesellschaftlichen Diskurs mehr führen, sondern „die Beendigung der Party“.

Tatsächlich sind Ton und Konzepte der Neuen Rechten mittlerweile bis in die Mitte der Gesellschaft vorgedrungen: Wenn nun heute ein Bundesminister der CSU eine „konservative Revolution“ fordert und Teilnehmer großer Talkshows über die Probleme der „Altparteien“ diskutieren, wird deutlich, wie erfolgreich und vor allem wie einflussreich die Bewegung in den letzten Jahren geworden ist. Und in Chemnitz liefen Ende vergangenen Jahres Politiker der AfD, die sonst Kontakte ins rechtsextreme Milieu leugnen, an der Seite bekannter Neonazis im Gedenken an den getöteten Daniel H. durch Chemnitz. Die Neue Rechte ist selbst noch in Bewegung. Und im Moment bewegt sie sich stetig weiter nach rechts.