Christlicher Staat? Politik verträgt nur so viel Religion, wie der Ungläubige akzeptieren kann


Politischer Widerstand, Auflehnung gegen Unrecht, Streiks: Sie sind nicht vereinbar mit der strengen Ethik des Evangeliums. (Bild: Simon Tanner / NZZ)
Dem Evangelium gemäss regieren – schon Luther war sich sicher: In dieser Welt ist das nicht möglich. Für Nietzsche war christliche Politik eine «Schamlosigkeit». Wie alltagstauglich ist die Moral des Christentums?

Maximilian Zech | Neue Zürcher Zeitung

Manche Fragen sind für die Menschheit von so essenzieller Bedeutung, dass sie einen Dialog eröffnen, der sich über Jahrtausende spannt. Eine dieser zeitlosen Fragen ist zweifellos die nach den ideellen Bedingungen menschlicher Gemeinschaften. Welcher moralischen Werte und Normen bedarf eine Gesellschaft, damit ein friedliches Zusammenleben gewährleistet ist?

Verschiedene Kulturen haben im Lauf der Geschichte unterschiedliche Antworten darauf gegeben, und fast immer spielten die Religionen dabei als Sinn- und Wertestifter eine entscheidende Rolle. Besonders in den monotheistischen Glaubenslehren kommt der Ethik eine herausragende Stellung zu, gilt sie doch als unmittelbarer Ausdruck des göttlichen Willens. Der Gedanke, dass es keine andere Autorität als die des Allerhöchsten in moralischen Belangen geben könne, liegt folglich nah und wird für das Christentum von Paulus im Brief an die Römer deutlich ausgesprochen: «Alles aber, was nicht aus Glauben ist, ist Sünde.»

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