Auf die Dauer ist es ziemlich langweilig, vernünftig zu sein


Bettina Stangneth: Hässliches Sehen. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2019. 160 Seiten, 20 Euro. (Foto: )
Mit ihrem unaufgeregten und stellenweise sogar witzigen Essay „Hässliches Sehen“ erprobt Bettina Stangneth eine Haltung gespannter Gelassenheit.

Von Daniel-Pascal Zorn | Süddeutsche Zeitung

Für Bettina Stangneths Buch „Hässliches Sehen“ könnte die Weisheit stehen, die dem Schriftsteller George Bernhard Shaw zugeschrieben wird: „Der Weg zur Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert, nicht mit schlechten.“ Genau diese etwas schmerzhafte Differenz, die Kontrollverlust und Unsicherheit suggeriert, formuliert die Philosophin in ihrem neuen Buch in immer neuen Variationen: Das, was wir glauben zu tun, und das, was wir tatsächlich tun, ist sehr oft nicht dasselbe. Dabei dreht und wendet sie das, was wir für unseren Alltag und das Selbstverständliche darin halten, betrachtet die Rückseiten und blinden Flecken und stellt mehr als einmal fest: Irgendwas stimmt hier nicht.

Bettina Stangneth vertritt philosophisch eine radikal aufklärerische Haltung. Das ist nicht leicht in einer Zeit, in der diese Aufklärung fast ebenso vergessen ist wie ihre Dialektik, durch die sie zum gnadenlosen Motor kultureller Instrumentalisierung werden kann.

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