Tyrannisch, gefrässig, launig, fürsorglich oder manipulativ – wie viel Staat braucht der Mensch?


Zeichnung: Peter Gut
Die moderne Menschheit ist so verfasst, dass sie ohne Staat nicht leben kann. Doch der Staat ist ambivalent, er sichert unsere Existenz und bedrängt sie zugleich. Nur wenn der Staat es schafft, die divergenten Interessen der Individuen zu einer Allgemeinheit zu bündeln, stellt er eine moralische Instanz dar.

Konrad Paul Liessmann | Neue Zürcher Zeitung

«Die Idee der Menschheit voran, will ich zeigen, dass es keine Idee vom Staat gibt, weil der Staat etwas Mechanisches ist, so wenig als es eine Idee von einer Maschine gibt. Nur was Gegenstand der Freiheit ist, heisst Idee. Wir müssen also über den Staat hinaus! – Denn jeder Staat muss freie Menschen als mechanisches Räderwerk behandeln; und das soll er nicht; also soll er aufhören

Diese wuchtigen Sätze stammen aus einem der merkwürdigsten Dokumente der europäischen Geistesgeschichte, dem sogenannten «Ältesten Systemprogramm des deutschen Idealismus», ein erst 1917 entdecktes Fragment, das um 1797 entstanden ist und höchstwahrscheinlich gemeinsam von drei jungen Feuerköpfen verfasst wurde, deren Namen wir kennen: G. W. F. Hegel, Friedrich Wilhelm Josef Schelling und Friedrich Hölderlin. In der Phase der Entstehung des modernen Staates, wenige Jahre nach der Französischen Revolution, und fast zeitgleich mit Wilhelm von Humboldts «Ideen zu einem Versuch, die Grenzen der Wirksamkeit des Staates zu bestimmen» (1792) wird radikal die prinzipielle Unvereinbarkeit von Staat und Freiheit festgehalten.

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