Stellenwert von Religion: Wie geht es Gott in Frankreich?

In Frankreich gaben nur 50 Prozent der Befragten an, sich einer Religion zugehörig zu fühlen (imago / PanoramiC)
Über Religion wird in Frankreich viel diskutiert – und immer seltener praktiziert, so das Ergebnis einer Langzeitstudie. Die Tendenz zur Säkularisierung nimmt den Umfragen zufolge auch europaweit stetig zu, ebenso die Toleranz gegenüber Andersdenkenden.

Von Suzanne Krause | Deutschlandfunk

Seit 1981 nimmt der französische Soziologe Pierre Bréchon die Ansichten der Europäer betreffs Religion und Weltanschauung unter die Lupe, mittels der jedes Jahrzehnt durchgeführten repräsentativen Erhebung „European Values Studies“. Eine seiner Beobachtungen: Seit der Jahrtausendwende würden die Medien regelmäßig berichten, dass in unseren Gesellschaften die Religionen immer prägnanter wären, dass Fundamentalismus sogar in Europa auf dem Vormarsch sei. Mitnichten, meint der Soziologe. Er wertet gerade die Ergebnisse der jüngsten, vor eineinhalb Jahren gestarteten Umfrage zu den Werten Europas aus und sagt: Der Trend sei klar.

„Am prägnantesten ist die Tendenz zur Säkularisierung, die langsam aber stetig fortschreitet. Die Religionen verlieren mehr und mehr Anhänger und sie verlieren auch ihre Sinnhaftigkeit.“

Schwund vor allem bei der jungen Generation

Bei der Erhebung aus dem Jahr 1990 gaben europaweit 76 Prozent der Befragten an, sich einer Religion zugehörig zu fühlen. 2008 waren es nurmehr 70 Prozent. Und in Frankreich gar nur 50 Prozent. Europaweit erklärte 2008 knapp jeder fünfte Befragte, nie einer Religion angehört zu haben – bei den Franzosen ist es jeder Dritte. Am traditionellen Glauben hängen vor allem die Älteren, die meisten Jüngeren haben sich von der Religion abgewendet.

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In NRW fehlen 2000 Islam-Lehrer

Ein Mädchen liest in einem Schulbuch für islamischen Religionsunterricht. Foto: Oliver Berg/dpa. Foto: dpa/Oliver Berg
In NRW fehlen nach Experten-Schätzung hunderte Lehrer für den islamischen Religionsunterricht. Im Land gibt es über 400.000 Schüler islamischen Glaubens. Nur knapp 20.000 davon erhalten islamischen Religionsunterricht.

Von Alev Dogan, Kirsten Bialdiga | RP ONLINE

„Der errechnete Bedarf geht weit über 2000 Lehrerstellen hinaus“, sagte Muna Tatari, Professorin für Systematische Islamische Theologie, an der Universität Paderborn. Der Landesregierung zufolge haben aktuell 251 Lehrer in NRW die erforderliche Lehrerlaubnis. Das Schulministerium hält eine valide Prognose zur Zahl benötigter Lehrer hingegen noch nicht für möglich. Bewerber hätten aber „hervorragende Einstellungschancen“.

Paderborn ist erst die zweite Universität in NRW neben Münster, die einen entsprechenden Studiengang anbietet. Starttermin ist frühestens 2021/22. Andere Universitäten winkten nach Informationen unserer Redaktion ab.

In NRW gibt es über 400.000 Schüler islamischen Glaubens. Nur knapp 20.000 davon erhalten islamischen Religionsunterricht. Das Fach wird von hierzulande ausgebildeten Lehrern in staatlichen Schulen erteilt, auch um einer Radikalisierung vorzubeugen.

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Studie: Jugend fehlt der Bezug zur Religion

Das Institut für Jugendkulturforschung hat das bevorstehende Osterfest zum Anlass genommen, bei 300 repräsentativ ausgewählten Jugendlichen nachzufragen, wie sie zur Religion stehen. Die Umfrage zeigt, dass 45 Prozent der Zehn- bis 19-Jährigen beim Thema „Religion“ emotional auf Distanz gehen. 38 Prozent fällt auf die Frage, woran sie denken, wenn sie „Religion“ hören, „nichts“ ein.

Die Presse.com

Sieben Prozent sagen unumwunden, dass Religion nichts für sie ist. Ein Drittel der Jugendlichen (34 Prozent) hat dem eigenen Empfinden nach keine religiös-weltanschauliche Heimat. In diese Gruppe fallen Jugendliche ohne Bekenntnis, eine wachsende Gruppe vor allem in den urbanen Zentren, aber auch „Taufschein-Christen“, die sich von ihrer Religionsgemeinschaft distanzieren – frei nach dem Motto: „Ich bin zwar katholisch, aber glaube nicht an Gott.“

Ungestützt angefragt, verbinden nur 22 Prozent der Befragten „Glaube an Gott oder ein höheres Wesen“ zuallererst mit Religion. Mehr Jugendliche (35 Prozent) nennen als persönliche Assoziationen zu Religion die Vielfalt der Religionen als gesellschaftliche Herausforderung, das Nebeneinander, die Unterschiede zwischen den Mitgliedern unterschiedlicher Religionsgemeinschaften, aber auch Intoleranz gegenüber Andersdenkenden.

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Libyen: Aussichtslos gegen die „militärische Lösung“ Haftars?

Feldmarschall Haftar. Screenshot eines Videos/YouTube
Nach einem Flugzeugabschuss droht die Ausweitung der Kriegszone. Reaktionen auf Proteste in Algerien stellen weitere schwierige Fragen zur Stabilität in Nordafrika

Thomas Pany | TELEPOLIS

Die Chancen, dass der kriegerische Konflikt in Libyen politisch gelöst wird, stehen derzeit nicht gut. Gestern meldeten verschiedene Berichte, dass ein Mig-Kampfflugzeug der LNA-Milizen mit einem MAN-Pad abgeschossen wurde. Die LNA untersteht dem Befehl des Feldmarschalls Haftar. Dieser strebt eine militärische Lösung in Libyen an. Er will die Hauptstadt von „Terroristen“ säubern. Allerdings ist es ihm nicht geglückt, die Hauptstadt Tripolis in einem Überraschungscoup zu erobern.

Beobachter des Geschehens in Libyen befürchten, dass Verbündete Haftars Milizen nun militärisch weiter aufrüsten, da der Widerstand gegen ihn stärker ist als angenommen, und sich damit die kriegerischen Auseinandersetzungen auf längere Dauer fortsetzen. Da Haftars Einheiten wesentlich über zwei Städte, Gharyan und Tarhouna, die etwa 80 Kilometer südlich von Tripolis liegen, versorgt werden, könnten dem Vormarsch der LNA weitere Schwierigkeiten bereitet werden.

Flüchtlinge

Die UN zählt bisher 13.500 Binnenflüchtlinge durch die Kämpfe im Großraum Tripolis. Laut der Außenstelle der Weltgesundheitsorganisation in dem Land werden dort aktuell 147 Tote und 614 Verwundete verzeichnet. Über 800.000 Menschen in Libyen brauchten humanitäre Hilfe, so das OCHA. In den Lagern bei Tripolis, wo sich laut der Hilfsorganisation 1.500 Flüchtlinge und Migranten aufhalten, sind durch die Kämpfe einem „größeren Risiko“ ausgesetzt.

Dass dies ziemlich konkret werden kann, führt der eingangs erwähnte Flugzeugabschuss vor Augen. Er geschah angeblich in unmittelbarer Nähe eines Flüchtlingslagers. Auch die Versorgung dürfte inmitten von Kriegswirren schwieriger werden. Einige Hilfsorganisationen sollen zudem ihre Aktivität eingestellt haben. Das Kriegschaos macht die Lage auf jeden Fall nicht einfacher, wie dies an den Einblicken der irischen Journalistin Sally Hayden abzulesen ist.

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Opioide: Kein Überschwappen von US-Krise nach Europa

APA/AFP/US Drug Enforcement Admi
Daten aus Deutschland und Österreich zeigen: Die Zahl der Opioid-Abhängigen bleibt konstant. Laut Schmerzspezialisten ist die „Opioid-Krise“ eine Krise der USA. Grund sind unterschiedliche Strategien in der medizinischen Behandlung.

Die Presse.com

In den USA gibt es eine „Opioid-Krise“. Zwei Drittel der jährlich rund 70.000 Drogentoten sterben dort an rezeptpflichtigen Opiat-Schmerzmitteln oder illegalen Opiaten wie Heroin. Doch diese Problematik betrifft die USA. Die Situation in Europa und in Österreich sei ganz anders, stellen Fachleute fest. Knackpunkt sind offenbar die unterschiedlichen Strategien in der medizinischen Behandlung.

Das wichtigste Indiz dafür ist die Zahl der Opiatabhängigen in den USA im Vergleich zu Europa. Burkhard Gustorff, Vorstand der Abteilung für Anästhesie, Intensiv- und Schmerzmedizin am Wilhelminenspital Wien und Vorstandsmitglied der Österreichischen Gesellschaft für Anästhesiologie, Reanimation und Intensivmedizin (ÖGARI), wurde dazu vor Kurzem in einer Aussendung zitiert: „Tatsächlich gibt es keinen Zweifel an der Tatsache, dass die Zahl der Opioid-Toten in den USA kontinuierlich steigt und die Menge der verschriebenen Opioid-Analgetika nach starken Zuwächsen über mehr als 15 Jahre auch steigt und erst in den vergangenen zwei Jahren eine Abschwächung findet. In Australien sehen die epidemiologischen Daten ähnlich aus.“

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Bildergeschichte der Frau von Deso Dogg

Grafik: TP
Eine arabische Journalistin ist an ein Handy mit vielen Fotos einer deutschen IS-Rückkehrerin gelangt. Ihr Bericht wirft Fragen zum Stand der Ermittlungen auf und zum Umgang der Sicherheitsbehörden mit ehemaligen IS-Mitgliedern

Thomas Pany | TELEPOLIS

In Zeiten von Fake News ist Vorsicht gegenüber spektakulären Enthüllungen angeraten. Das gilt auch für das Video der arabischen Journalistin Jenan Moussa. Denn im Mittelpunkt ihrer Recherchen steht ein gefundenes Handy mit vielen Bildern. Es erzählt die Geschichte einer Frau, die beim IS in Syrien war, unter anderem in Rakka, dort Kinder aufzog, mit zwei bekannten deutschen Dschihadisten zusammenlebte, und nun offenbar unerkannt eine Existenz in Hamburg als Beraterin für Schönheit und Gesundheit führt.

Das wirft die Frage danach auf, ob auch die deutschen Sicherheitsdienste über die Frau Bescheid wissen und ob sie überprüft wurde. Auf der Twitterseite von Jenan Moussa meldete sich die Hamburger Polizei mit der Mitteilung, dass ihr der „Sachverhalt bereits bekannt“ ist. (Einfügung: Auch die bayerische Polizei meldet sich auf dem Twitterkonto von Moussa. Sie gibt Bescheid, dass „der Fall bekannt ist und bearbeitet wird“.)

(Update: Mittlerweile wird „der Fall“, den die libanesische Journalistin der Öffentlichkeit bekannt macht, auf ihrem Twitterprofil ausführlicher dargestellt. Anfangs beschränkten sich die Angaben auf ein Video und zwei kurze Tweets).

Nach all dem, was aus dem Bericht von Jenan Moussa hervorgeht, war die Frau, die deutsche Staatsbürgerin ist, mit zwei deutschen IS-Dschihadisten, Nader Hadra und Deso Dogg, verheiratet und stand dadurch in enger Verbindung mit Männern, die an Verbrechen des IS teilnahmen. Das trifft auch auf den österreichischen Mohamed Mahmoud zu, mit dem sie laut Fotos ebenfalls in vertrautem Verhältnis stand.

Jenan Moussa arbeitet als Journalistin beim arabischen Fernsehsender Akhbar Al-Alan. Mit einer Undercover-Recherche, bei der sie die Federführung hatte, – über die dominierende Präsenz des al-Qaida-Ablegers al-Nusra-Front in Idlib -, wurde sie vor zwei Jahren auch in Deutschland bekannt. An dieser Stelle wurde im Juni 2017 über ihre Recherchen zu den Frauen in Raqqa berichtet: IS-Frauen aus Raqqa: Enttäuschte Dschihad-Groupies.

Anhand ihrer Arbeiten ist die libanesische Journalistin, die in Expertenkreisen oft verlinkt wird, als seriös einzustufen. Ihre jüngsten Recherchen, die sie nach Hamburg führten, stellt sie, wie zuvor schon andere Berichte, auf Twitter mit kurzen Zusammenfassungen in englischer Sprache vor. Mittlerweile gibt es auch ein etwa 20-minütiges Video, das mit englischen Untertiteln unterlegt ist und zeigt, wie Jenan Moussa versucht, mit der Frau in Hamburg in Kontakt zu treten, dazu Ausschnitte aus der dokumentierten Bildergeschichte der Frau.

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Mikroplastik fliegt durch die Luft

Mit Wind und Regen gelangen Mikroplastik-Partikel selbst in entlegene Bergregionen wie die Pyrenäen. © Ept/ CC-by-sa 3.0
Vom Winde verweht: Mikroplastik verschmutzt nicht nur Böden, Gewässer und Meere, die winzigen Kunststoffpartikel werden auch durch die Luft verbreitet, wie nun eine Studie belegt. In einer entlegenen Bergregion der Pyrenäen regnete es demnach mehr als 350 Mikroplastik-Partikel pro Tag und Quadratmeter. Diese Kontamination trat auf, obwohl keine großen Städte oder Industrieanlagen in der Nähe waren, wie die Forscher im Fachmagazin „Nature Geoscience“ berichten.

scinexx

Mikroplastik ist längst überall: Die winzigen Kunststoffpartikel und -fasern schwimmen in Flüssen, Seen und Meeren, sie verschmutzen das Eis der Arktis und Antarktis und finden sich auch schon in Salz, Getränken und Honig. Sogar in unserem eigenen Kot haben Wissenschaftler inzwischen Mikroplastik nachgewiesen. In einigen Großstädten wie Paris und dem chinesischen Dongguan trägt das Mikroplastik bereits zur Luftverschmutzung bei.

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Ist die Evolutionsbiologie eine Naturwissenschaft?

HP, screenshot:bb
In einer Zeit, in der fragwürdige oder gar falsche Behauptungen mit der beschönigenden Formulierung „alternative Fakten“ geadelt werden, haben es wissenschaftliche Erkenntnisse schwer. Rund 20 Prozent der Deutschen glauben, „alternative Heilmethoden“ hülfen im Krankheitsfall besser als die sogenannte „Schulmedizin“.

Von Martin Neukamm | AG Evolutionsbiologie

Ebenfalls ein Fünftel der Deutschen zweifelt an den Forschungs-Ergebnissen zum menschengemachten Klimawandel. Und auch der Anteil derer, die meinen, der Glaube an eine Schöpfung wäre ein vernünftiger Alternativentwurf zur wissenschaftlich abgesicherten Evolutionstheorie, liegt seit Jahren um 20 Prozent.

In Deutschland stellt vor allem die religiöse Studiengemeinschaft WORT UND WISSEN die Evolutionstheorie lautstark infrage. Ihr Ziel ist es, die Tür der Wissenschaft für „Intelligent Design“ und Supranaturalismus zu öffnen. Jüngstes Beispiel ist eine Schrift aus der Feder ihres Geschäftsführers Reinhard JUNKER. Darin behauptet der Autor, die Evolutionstheorie sei als Ganzes nicht naturwissenschaftlich (JUNKER 2018). Er begründet dies etwa damit, dass das Formulieren von Gesetzen unmöglich sei, wo es um Makroevolution gehe. So böten Evolutionstheorien in Bezug auf evolutive Neuerungen keine Vorhersagen und Erklärungen an, die dem klassischen Schema nach HEMPEL & OPPENHEIM genügten.

Auch die moderne Version, die „erweiterte evolutionäre Synthese (EES)“, erkläre die Herkunft biotischer Innovationen nach JUNKERs Ansicht nicht. Da es unmöglich sei, „Evolution durch eine naturwissenschaftliche Theorie zu beschreiben“, könne „die Infragestellung einer allgemeinen Evolution sich auch nicht gegen die Naturwissenschaft wenden“ (S. 2). Makroevolution sei lediglich eine „konzeptionelle Vorgabe“, ein „Rahmen“, in dem die Biologen „Szenarien evolutiver Abfolgen“ entwickelten. Dieser Rahmen ergäbe sich „nicht zwingend aus naturwissenschaftlichen Befunden und Hypothesen“, sondern beruhe auf einer „Konvention“ der Wissenschaftler-Gemeinde. Im Klartext: Die Evolutionstheorie sei nicht alternativlos, sondern lasse sich genauso gut durch einen Schöpfungsrahmen ersetzen.

Da solche Aussagen oft Verwirrung stiften, wollen wir uns JUNKERs Argumentation genauer ansehen und prüfen, was von ihr zu halten ist.

1. Das HEMPEL-OPPENHEIM-Schema der Erklärung

JUNKER argumentiert wie folgt:

„Naturwissenschaftliche Theorien beschreiben Gesetzmäßigkeiten, die in eine Wenn-Dann-Form gebracht werden können: Immer wenn die Gesetze G und die Randbedingungen R gegeben sind, folgt das Ergebnis E. Evolutionstheorien, die den Artenwandel erklären sollen, gelten zwar weithin als naturwissenschaftliche Theorien. Doch dies trifft nur in einem eingeschränkten Sinne im mikroevolutiven Bereich zu (Populationsgenetik). Wenn es um die Entstehung des evolutionär Neuen geht, sind Formulierungen von Gesetzen nicht möglich. Dies äußert sich unter anderem darin, dass keine Vorhersagen in Bezug auf das Auftreten von Neuheiten gemacht werden können“ (S. 1).

„Aussagen, die nicht in eine Wenn-Dann-Struktur gebracht werden können, können daher nicht mit dem Anspruch, naturwissenschaftlich begründet zu sein, präsentiert werden. … Die Wenn-Dann-Struktur spiegelt sich auch im Hempel-Oppenheim-Schema wieder (kurz: HO-Schema)“ (S. 4).

„POSER … schreibt in diesem Zusammenhang: ‚Das Deutungsschema der Evolutionstheorie zu akzeptieren, bedeutet eine Zumutung, denn es verlangt in Gestalt der spontanen Mutation, in Gestalt des unvorhersehbaren Neuen in jedem Anwendungsbereich die Anerkennung des Zufalls.‘ …Das hat Folgen für die Art der ‚Erklärung‘ des evolutiven Wandels. Eine Wenn-Dann-Struktur ist nicht möglich und das oben erwähnte HO-Schema nicht anwendbar. … ‚Die Deutungsleistung des Evolutionsschemas wird erkauft durch einen Verzicht hinsichtlich des Anspruchs, die Welt erklären zu können'“ (S. 8).

JUNKER ignoriert hier, dass das HO-Schema (auch deduktiv-nomologisches Modell genannt), wonach ein zu erklärender Sachverhalt unter ein allgemeines Gesetz subsumiert wird, längst keine aktuelle „Theorie“ der naturwissenschaftlichen Erklärung mehr darstellt. (Zur Kritik siehe beispielsweise SCRIVEN 1962; RAILTON 1978, S. 208; SALMON 1984, S. 121ff; O’SHAUGHNESSY 1992, S. 17–19; MACHAMER et al. 2000, 21f; WOODWARD 2003, S. 10 und 154–161; WRIGHT & BECHTEL 2007, S. 46ff.). Dies hat mehrere Gründe, von denen wir hier die zwei wichtigsten andiskutieren wollen.

Erstens erklärt die Wenn-Dann-Relation von Aussagen allein gar nichts. Das Gesetz von BOYLE & MARIOTTE beispielsweise erlaubt die Voraussage eines Gasvolumens, wenn Druck und Temperatur des Gases bekannt sind. Druck, Temperatur und Volumen von Gasen werden unter das allgemeine Gasgesetz subsumiert. Doch das Gesetz erklärt nicht, warum dieser Zusammenhang besteht. Erst die kinetische Gastheorie, die (auf der Atomtheorie fußend) einen Mechanismus der Molekül-Bewegung bereitstellt, liefert die Erklärung (O’SHAUGHNESSY 1992, S. 17; SPOHN 2012, S. 306).

Zweitens spielen bei fast allen Naturprozessen Zufälle und kontingente Randbedingungen eine Rolle. Konkrete Entwicklungs-Prognosen sind selten möglich, weil die dafür erforderlichen Randbedingungen oft unüberschaubar und daher nicht (genau) bekannt sind. Lediglich im idealisierten Experiment, in dem der Wissenschaftler definierte Randbedingungen herstellt, entsteht ein „geschützter kontingenzfreier Raum“ (LANG 2015, S. 54), der Vorhersagen ermöglicht. So sind Wissenschaftler nicht in der Lage, den Einsturz einer Brücke, die Entstehung eines neuen Super-Vulkans oder die Bildung eines Planetensystems zu prognostizieren. Doch das hindert sie nicht daran, derlei Ereignisse (ex post facto) zu erklären (SCRIVEN 1962).

Dass sich die Erklärung komplexer Prozesse dem deduktiv-nomologischen Modell entzieht, verdeutlicht die aktuelle Diskussion um die Gefahren einer höheren Feinstaub- und Stickoxid-Belastung: Luftschadstoffe oder Zigarettenrauch töten nicht unmittelbar wie ein Giftcocktail. Zufallsfaktoren wie somatische Mutationen, erbliche Vorbelastungen, Krankheiten, Essverhalten und Alkoholkonsum führen zu einer faktoriellen Vielfalt, welche die Ursachenanalyse stark erschwert. Simple Erklärungen nach dem HO-Schema sind so in der Praxis kaum möglich.

Hier versagt auch das induktiv-statistische Erklärungs-Modell (BECHTEL 1988, S. 38). So gibt es nicht nur keine eindeutige Relation: „Wenn jemand raucht, dann bekommt er Lungenkrebs“. Dass dies geschieht, ist auch nicht besonders wahrscheinlich. Zwar lässt sich eine höhere Inzidenz von Lungenkrebs bei Rauchern gegenüber ansonsten gleichen Randbedingungen bei Nichtrauchern nachweisen (Ceteris-paribus-Klausel). Doch ein kausaler Zusammenhang ist damit nicht aufgezeigt, geschweige eine Erklärung. Nur das Vorliegen eines plausiblen Mechanismus, der das zu erklärende Faktum (Lungenkrebs) mit dem zeitlich vorausgehenden Sachverhalt (Rauchen) in Zusammenhang bringt, liefert die Erklärung.

Es bleibt festzuhalten: Die naturwissenschaftliche Erklärung hängt nicht am deduktiv-nomologischen Modell. Nicht allein Gesetze haben erklärenden Charakter, sondern in der Regel sind es Mechanismen, die über das „Warum“ eines Sachverhalts Aufschluss geben (RAILTON 1978; MACHAMER et al. 2000, S. 21f; MAHNER & BUNGE 2000, Kap. 3.6.). Und in der Evolutionstheorie ist genügend Platz für Mechanismen, die das Potenzial haben, die Entstehung von Neuheiten und Komplexitäten zu erklären. JUNKERs Kritik an der Evolutionstheorie beruht somit auf obsoleten wissenschaftstheoretischen Auffassungen. Im Übrigen lassen sich mithilfe evolutionär relevanter Mechanismen durchaus prüfbare Vorhersagen aus der Evolutionstheorie ableiten. Die Bestätigung einer eindrucksvollen Prognose diskutiert KERENG (2010).

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There Are Bacteria and Fungi All Over the Space Station, and Now We Know What They Are

An investigation of bacteria and fungi taken from the space station reveals microorganisms similar to those found in busy public spaces on Earth. (
Just like on Earth, there is a robust population of bacteria and fungi on the International Space Station (ISS) — and a new study catalogues its exact composition.

By Elizabeth Howell | SPACE.com

Most of the microbes are associated with humans, particularly the bacteria Staphylococcus (26% of total bacteria isolated), Pantoea (23%) and Bacillus (11%), according to a statement on the new work. Other organisms come from specific parts of humans, such as Staphylococcus aureus (10%), which is usually found in human nasal passages and skin. Another example is Enterobacter, whose percentage was not specified in the release, which is found in the human gastrointestinal tract.

While it sounds like a gross combination, the scientists noted in the statement that similar bacteria are found in mundane Earth environments such as offices, gyms and hospitals, so the space station is similar to these other „built environments“ frequented by humans.

It’s unclear if bacteria that sometimes cause disease on Earth, such as Staphylococcus aureus and Enterobacter, could cause disease in ISS astronauts, researchers said in the statement, because that depends on things such as how these organisms function in microgravity and how healthy the astronaut is to start. (In general, people selected for space are in great health, and work to maintain their fitness in space in exercise periods spanning 2 hours a day.)

„Specific microbes in indoor spaces on Earth have been shown to impact human health, Kasthuri Venkateswaran, a senior research scientist at NASA’s Jet Propulsion Laboratory and a co-author of the paper, said in the statement. „This is even more important for astronauts during spaceflight, as they have altered immunity and do not have access to the sophisticated medical interventions available on Earth.“

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Deutsche Schattenkrieger in der Schweiz?

Uniter: ein Netzwerk von Elite-Soldaten, Polizisten, Rettungskräften und Sicherheitsleuten, die auch abseits des Arbeitsalltags weitertrainieren. Die Frage ist: wofür? bild: uniter
In Deutschland löst das Netzwerk Uniter Unbehagen aus. Der Verdacht: Aufbau einer rechten Schattenarmee. Jetzt überlegt sich der Verein einen Umzug in die Schweiz. Der Präsident und sein Vize leben schon hier – in Zug und Luzern.

Kilian Küttel | watson.ch

Ein normales Restaurant an einem normalen Werktag. Ein unauffälliger Mann tritt ein, die Haltung leicht gebückt, die Jacke so schwarz wie der Rucksack. Er setzt sich hin, verschränkt die Hände und bestellt ein Mineralwasser:

«Ich werde Ihnen alles erzählen, was ich weiss und was ich sagen kann.»

Der Mann ist Deutscher, wohnt im Kanton Luzern, arbeitet bei einer Zentralschweizer Firma im Gesundheitssektor. Seinen Namen will er nicht in der Zeitung lesen. Wir nennen ihn Markus W.

Als Vizepräsident übernimmt W. die Medienarbeit des Vereins Uniter. Dieser hat seinen Sitz in Stuttgart, doch auch der Präsident lebt in der Zentralschweiz, nämlich in Zug. Die Verbindung in unsere Region ist bemerkenswert: Hier faktisch unbekannt, beschäftigt der Verein in Deutschland seit Monaten Behörden, Medien und Politik.

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Russischer Rusal-Konzern als Gehilfe der Amerikaner

Aluminium, der Stoff aus dem leichte Autoträume sind. (Ilya Naymushin/Reuters)
Rusal ist nach den Sanktionen zurück im amerikanischen Markt und will investieren. Die Pläne haben eine überraschende Nebenwirkung.

Christian Steiner | Neue Zürcher Zeitung

Das nennt man ein Comeback. Der russische Aluminiumriese Rusal macht sich, drei Monate nachdem Washington das Unternehmen aus den Sanktionsfesseln befreit hat, auf, das Amerikageschäft zu alter Blüte zurückzuführen. Doch der einst wichtigste Exportmarkt soll nicht nur wieder mit Aluminium beliefert werden. Die Russen wollen auch in die Produktion vor Ort investieren. Zusammen mit dem amerikanischen Konkurrenten Braidy will Rusal ein Werk zur Herstellung von gewalzten Aluminiumprodukten für die Automobilindustrie bauen. Die beiden Firmen nehmen dafür mehr als 1,5 Mrd. $ in die Hand. Rusal soll einen 40%-Anteil am neuen Werk in Kentucky halten und den Grossteil des benötigten Aluminiums liefern können. Rusal ist dazu überzeugt davon, dass die Produkte des Werks in den USA Abnehmer finden werden, da die Nachfrage nach Aluminiumkomponenten für Autos in den vergangenen fünf Jahren stark gewachsen ist und das Angebot langsam knapp werde. Analytiker dagegen sind über die Pläne wenig erfreut. Die Finanzfachleute kritisieren vor allem, dass Rusal neue Schulden aufnehmen muss, um die hohe Investition zu schultern. Dies drücke auf die Rentabilität des Konzerns.

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Jugendweihe in Berlin: Zugezogene aus dem Westen entdecken Ritual für sich neu

Erste Jugendfeier des Jahres: Jugendliche am Sonnabend im Friedrichstadtpalast. Foto: Monika Skolimowska/dpa-Zentralbild/dpa
Die meisten stehen zum ersten Mal im Rampenlicht. Begleitet von Musik und Spots ziehen etwa 170 Jugendliche in den Saal des Friedrichstadtpalasts ein.

Torsten Harmsen | Berliner Zeitung

Ihre bereits im Saal sitzenden Eltern, Geschwister und Großeltern verfolgen sie aufgeregt mit den Augen. „Viele haben plötzlich die Erkenntnis: Mensch, das ist ja unser Kind, das auf einmal so groß geworden ist! Und da sieht man schon so manche Träne“, sagt Anna Paterok. Sie leitet das Projekt Jugendfeier Berlin des hiesigen Humanistischen Verbandes und spricht von einem „emotionalen Höhepunkt für die ganze Familie“.

Insgesamt 320 Jugendliche nahmen am Sonnabend im Friedrichstadtpalast an zwei Auftakt-Veranstaltungen der diesjährigen Jugendfeiern des Humanistischen Verbandes Berlin-Brandenburg teil. Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) hielt eine der Festreden. In den vergangenen Jahren traten bereits Frank Walter Steinmeier und Gregor Gysi als Festredner auf.

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Türkei: Arbeitslosigkeit auf Zehn-Jahres-Höchstwert

Bild: Magazin „The Economist“
Liraverfall, Rezession und nun auch Rekordarbeitslosigkeit. Die Türkei steckt in einer schweren wirtschaftlichen Krise. Zuletzt stieg die Arbeitslosenquote auf 14,7 Prozent.

tagesschau.de

Die türkische Wirtschaft steckt in der Krise. Die Konjunkturschwäche macht sich nun auch auf dem Jobmarkt bemerkbar. Zwischen Dezember und Februar stieg die Arbeitslosenquote auf 14,7 Prozent – den höchsten Stand seit zehn Jahren. Die Jugendarbeitslosigkeit stieg mit 26,7 Prozent auf den höchsten Stand seit Beginn der Datenaufzeichnung 2005.

Ende 2018 schrumpfte die türkische Wirtschaft so stark wie seit der Finanzkrise 2009 nicht mehr. Aktuell steckt das Land in einer Rezession. Diese könnte sich Experten zufolge auch noch in die zweite Jahreshälfte hineinziehen.

„Es wird schlimmer werden“

Der Türkei-Experte Tatha Ghose von der Commerzbank geht jedoch davon aus, dass die Arbeitslosenquote bis zu einem Anziehen der Konjunktur noch im Juli oder August weiter steigt. „Es wird schlimmer werden, bevor es besser wird.“

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Anklage nach Veröffentlichung von Haftbefehl

  • Die Staatsanwaltschaft Dresden hat Anklage gegen einen Justizbeamten erhoben, der nach dem gewaltsamen Tod eines Chemnitzers einen Haftbefehl veröffentlichte.
  • Daniel Zabel hatte einen Haftbefehl fotografiert und an Rechtsextreme weitergeleitet .
  • Bei einer Verurteilung droht dem Mann, der die Vorwürfe zugegeben hat, eine Geld- oder Freiheitsstrafe.

Süddeutsche Zeitung

In Sachsen ist Anklage gegen einen Justizbeamten erhoben worden. Daniel Zabel soll nach dem gewaltsamen Tod von Daniel H. in Chemnitz einen Haftbefehl an Dritte weitergegeben haben. Er selbst hat die Vorwürfe bereits zugegeben. Zabel wird „Verletzung des Dienstgeheimnisses in Tateinheit mit verbotenen Mitteilungen über Gerichtsverhandlungen“ vorgeworfen, wie die Staatsanwaltschaft Dresden mitteilte. Bei einer Verurteilung droht ihm eine Geld- oder Freiheitsstrafe.

Daniel H. war in der Nacht zum 26. August 2018 erstochen worden, mutmaßlich von zwei Geflüchteten. In der Folge kam es in der Stadt zu mehreren Demonstrationen, an denen auch zahlreiche Rechtsextreme und Hooligans teilnahmen. Im Zuge der Ermittlungen um den Tod von Daniel H. hatte Zabel eine Fotografie des Haftbefehls gegen einen Verdächtigen zuerst an die rechtsextreme Ortspartei „Pro Chemnitz“ geschickt, die sie bei Facebook teilte. Auch Pegida-Chef Lutz Bachmann lag das vertrauliche Papier vor.

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Finnland – Sieg der politischen Nostalgie

Finnisches Parlament. Bild: Lauren Stevens/CC BY-SA-2.0
Die Sozialdemokraten (SDP) und rechten „Die Finnen“ (PS) in der Parlamentswahl vom Sonntag nach den letzten Hochrechnungen Kopf an Kopf

Jens Mattern | TELEPOLIS

Die SDP führt mit 17,7 vor der PS mit 17,5, die regierende Zentrumspartei (KESK) mit Premierminister Juha Sipilä konnte nur 13,8 Prozent der Wähler überzeugen, ihr konservativer Koalitionspartner, die „Nationale Sammlungspartei“ (KOK), liegt bei 17 Prozent, der dritte Koalitionär, „die Blauen“, ist mit einem Prozent der Wähler weit abgeschlagen.

Gewonnen hat somit die politische Nostalgie: Die Sozialdemokraten unter dem Gewerkschafter Antti Rinne wollen zurück zum skandinavischen Wohlfahrtsstaat, „Die Finnen“ zum alten Finnland der 70er und 80er Jahre, als es kaum Migranten gab und sie mit anderen Zumutungen des modernen Lebens wie Klimaschutz und Gendertheorie verschont wurden.

Premier Juha Sipilä kann zwar auf einen Rückgang der Arbeitslosenquote von 9,5 Prozent seit Regierungsbeginn auf 6,2 Prozent verweisen. Doch der ehemalige Unternehmer löste die Regierung Anfang März eigenmächtig auf, da er im Parlament keine Mehrheit für seine Sozial- Gesundheitsreform fand, an der die finnischen Regierungen schon seit 14 Jahren herumdoktern.

Die Gegner befürchteten zu harte Schnitte vor allem für die Bewohner auf dem Land. Der Quereinsteiger Sipilä nötigte zudem den Arbeitnehmern und den Gewerkschaften mit seinen Sanierungsmaßnahmen einiges ab – mehr Flexibilität wurde von ihnen verlangt, die Arbeitnehmerrechte wurden ebenso wie die soziale Sicherheit reduziert. Als dann Skandale um den Standard in Pflegeheimen hochkochten, konnte die SDP punkten. Sie hatte nach den Wahlschlappen der letzten Jahre eine App entwickelt, in der sie mehr Nähe zu den Staatsbürgern aufbauen konnte, zudem entwickelte sie Perspektiven mit dem Grundsatzprogramm „Finnland 2030“.

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Bischöfe werben für „sorgsamen Umgang“ mit Kirchenasyl: Ein „letztes Mittel“

Symbolbild Kirchenasyl © Markus Linn (KNA)
In die Diskussion um die Praxis des Kirchenasyls hat die Deutsche Bischofskonferenz dessen grundsetzliche Existenz verteidigt. Das Kirchenasyl werde in Einzelfällen als „letztes Mittel“ gebraucht, betonte Erzbischof Stefan Heße.

DOMRADIO.DE

Entsprechend äußerte sich der Vorsitzende der Migrationskommission der Deutschen Bischofskonferenz. „Leitend ist für die deutschen Bischöfe die Überzeugung: Wenn es darum geht, in Einzelfällen unzumutbare Härten abzuwenden, wird das Kirchenasyl als letztes Mittel auch künftig gebraucht“, erklärte Heße am Montag.

Zweite Auflage der Handreichung zu Fragen des Kirchenasyls

Am selben Tag veröffentlichte die Deutsche Bischofskonferenz in Bonn die zweite Auflage ihrer Handreichung zu Fragen des Kirchenasyls. Es handelt sich um die aktualisierte Fassung eines Dokuments, das vor vier Jahren auf Initiative der Migrationskommission der Bischofskonferenz erschien.

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