Die Kirche und die Intellektuellen


Den Kirchen gelingt es immer weniger, ein intellektuell anspruchsvolles Publikum anzusprechen und zu überzeugen.(Bild: Joerg Sarbach / AP)
Viele Intellektuelle fühlen sich in der Kirche kaum mehr verstanden und kehren ihr den Rücken. Und diejenigen, die gelegentlich einen Gottesdienst besuchen, sehen sich nicht ernst genommen. Sie bringen die Auslegung des Evangeliums in den Predigten nicht mit ihren intellektuellen Ansprüchen zusammen.

Béatrice Acklin Zimmermann | Neue Zürcher Zeitung

Auf meine Frage, wie er sich das erkläre, dass die Kirchen überall dort, wo am Karfreitag die Matthäus-Passion gespielt werde, zum Bersten voll seien, während sie in den Gottesdiensten grösstenteils leer blieben und es doch in beiden Fällen um die Passion Christi gehe, meinte der niederländische Dirigent und Bach-Spezialist Ton Koopmann: «Ich sehe einen wesentlichen Grund darin, dass die intellektuellen Erwartungen, die man immer noch mit den Predigten verbindet, oftmals sehr unbefriedigt bleiben und die Worte vieler Prediger weder unseren Kopf noch unser Herz erreichen.»

Koopman vermisst in den meisten Predigten eine intellektuell verantwortete Rechenschaft über den christlichen Glauben, die auch von dem im vergangenen Jahr verstorbenen Philosophen Robert Spaemann immer wieder angemahnt worden war. Spaemann, der sich als Intellektueller mit christlicher Verortung und scharfsinniger Kritiker des Zeitgeistes in den öffentlichen Diskurs einbrachte, konstatierte einen zunehmenden intellektuellen Substanzverlust in der Kirche.

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