„Fridays for Future“ als Religion? Alle verehren Greta


© AFP/Filippo Monteforte
Warum trägt die Bewegung „Fridays for Future“ quasi-religiöse Züge? Der Religionssoziologe Hans Joas über das Heilige und den Unterschied zum Charismatischen.

Von Anna Sauerbrey | DER TAGESSPIEGEL

Herr Joas, die „Fridays for Future“-Bewegung wird gerne in die Nähe eines religiösen Phänomens gerückt. Jetzt hat Greta Thunberg sogar an einer Papst-Audienz teilgenommen. Was ist es denn, was manchen an Greta Thunberg heilig vorkommt?

Es gibt vielerlei Figuren im politisch-kulturellen Leben, die bei bestimmten Menschen große Begeisterung auslösen. Der übliche Begriff dafür ist aber eher nicht „heilig“, sondern charismatisch. Der amerikanische Psychologe Erik Erikson spricht von „Charisma-Hunger“.

Es gibt Situationen, in denen Menschen das Gefühl haben, dass sich etwas ändern muss. Sie wissen aber selbst nicht genau, was es ist und wie es sich ändern kann. Dann werden bestimmte Figuren mit einer Art Erlösungshoffnung aufgeladen.

Was unterscheidet das Charisma vom „Heiligen“?
Zunächst einmal sind das verschiedene Theorie-Traditionen. Ich glaube, dass für das Phänomen Thunberg der Begriff Charisma der hilfreichere ist, weil man beim Heiligen ja zunächst gar nicht an Personen denkt. Zeiten können heilig sein, Räume, Vorstellungen. Bei Greta Thunberg reden Sie aber von einer Person, die in einer unbedingten Weise eine Veränderungsnotwendigkeit symbolisiert.

weiterlesen