Hat die ältere Generation „alles verkackt“?


Ausschnitt aus der Titelseite der Jugend-Taz vom letzten Donnerstag
Die „U24 Taz“ zeigt, politisch wird nichts besser, wenn die Jugend allein bestimmen könnte, auch nicht für junge Menschen unter Hartz IV

Peter Nowak | TELEPOLIS

„Wir die U24-Leser*innen, haben zum 40. Geburtstag der taz die Redaktion besetzt, um den älteren Generationen unsere Sicht auf die Welt deutlich zu machen“, hieß es am vergangenen Donnerstag auf der Titel-Seite der linksliberalen Taz.

Die bis auf das Gendersternchen korrekte Meldung ist natürlich nicht wörtlich zu nehmen. Besetzt wurde am Donnerstag nichts, wie wir im Editorial erfahren: „Schon seit Monaten läuft die Organisierung auf Hochtouren, viele haben schon Artikel geschrieben. Ganz alleingelassen werden wir natürlich auch nicht. Schön zu sehen, dass wir trotzdem diejenigen sind, die Entscheidungen getroffen haben.“ Für einen Tag wird eine ganze Zeitung von Menschen unter 24 Jahren hergestellt. Auf jeden Fall eine gute Idee für die Werbung und auch gute Gelegenheit, sich zu überzeugen, dass „die Jugend“ in der Gesamtheit kein Garant für radikale Vorstellungen und ein grundsätzliches Infragestellen der gesellschaftlichen Verhältnisse mehr ist.

Das macht die Anklage an die ältere Generation auch so zahnlos und kann schlechterdings in eine wirtschaftsliberal grundierte Neiddebatte junge Generation versus alte Generation führen. Gleich auf der Titelseite schreibt unter dem Motto „Habt Ihr es verkackt?“ Jungredakteurin Judith Gebhardt: „Der menschengemachte Klimawandel bedroht meine Entscheidungsfreiheit und verschlechtert mein Lebensgefühl. Ich fühle Machtlosigkeit und Ungerechtigkeit, und ja, ich mache die Generationen verantwortlich, die vielzulange untätig geblieben sind.“

Gebhardt kennt keinen strukturellen Rahmenbedingungen wie den Kapitalismus, in dem Menschen und auch Unternehmen agieren. Deshalb kann sie auch nur Generationen vor ihr anklagen, eine Entwicklung nicht verhindern zu haben, die ihr angeblich Entscheidungsfähigkeit raubt. Es wird nicht einmal erwähnt, ob der vom Kapitalismus gemachte Klimawandel vor allem Menschen im globalen Süden nicht nur die Entscheidungsfähigkeit, sondern die Lebensgrundlagen raubt. Da wird in der Taz viel über kulturelle Aneignungen von Menschen des globalen Nordens geschrieben, von Diskriminierung und von Ausgrenzung. Dabei wird gar nicht gesehen, dass Julia Gebhardts Kommentar in der permanenten Ich-Bezogenheit ein einziges Dokument der Ausgrenzung ist.

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