„Der Einzug des Religiösen ins politische Feld“


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Tyma Kraitt über die Hintergründe des Konflikts zwischen Sunniten und Schiiten

Reinhard Jellen | TELEPOLIS

In ihrem Buch Sunniten gegen Schiiten zeichnet Tyma Kraitt die historische Entwicklung des Schismas zwischen den verschiedenen religiösen Gruppierungen innerhalb des Islams nach und erläutert die dahinter stehenden sozialen und politischen Motive.

Frau Kraitt, welche geschichtlichen und politischen Faktoren gibt es im Konflikt zwischen Schiiten und Sunniten?

Tyma Kraitt: Der Konflikt war von Beginn an kein religiöser, sondern ein politischer Konflikt. Religionsgeschichtlich betrachtet ging es nicht um theologische Widersprüche, die zur Spaltung geführt haben, sondern um den Führungsanspruch zweier unterschiedlicher Lager über die junge Islamische Gemeinschaft nach dem Tode des Propheten und Religionsstifters Mohammed. Erst nach dem islamischen Schisma, der Spaltung in Sunna und Schia differenzierten sich wenn man so will eigenständige Theologien heraus.

„Sehr widersprüchliche Allianz“

Wie stellt sich die Situation heute dar?

Tyma Kraitt: Auch aktuell hat dieser Konflikt eine politische Dimension, in der es um die Vormachtstellung zweier Regionalmächte in der Islamischen Welt geht, nämlich zwischen dem wahhabitischen Saudi-Arabien und dem schiitischen Iran. Hier geht es zunächst um konkurrierende geopolitische Konstellationen. Auf der einen Seite das Königreich Saudi-Arabien, eines der wichtigsten Verbündeten der USA bzw. des Westens.
Auf der anderen Seite die Islamische Republik Iran, die diese geopolitische Ordnung herausfordern will und damit auch die Vormachtstellung der USA im Nahen und Mittleren Osten brechen möchte. Dieser Gegensatz hat zur Verbreitung eines neuen Schreckgespenstes geführt, dem sogenannten „Schiitischen Halbmond“. Eine strategischen Achse der „Schiiten“ in der Region, gemeint sind jene Staaten mit schiitischer Mehrheit und relevantem schiitischen Bevölkerungsanteil.
Diese Achse erstreckt sich von Teheran, über Bagdad, nach Damaskus und Beirut bis zu den Huthis im Jemen. Wohlgemerkt, es handelt sich um eine strategische und sehr widersprüchliche Allianz und nicht um eine ideologische. Eine konkrete ideologische Bindung besteht lediglich zwischen Iran und der schiitischen Hisbollah im Libanon sowie einigen proiranischen Kräften im politisch völlig zerstrittenen Irak.
Das Assad-Regime in Damaskus wiederum war stets mit der säkularen nationalistischen Ideologie des Baathismus verbunden. Der Assad-Clan selbst gehört jedoch der alawitischen Minderheit an, eine heterodoxe Sekte, mit starken schiitischen, aber auch gnostischen Einflüssen. Die Alawiten haben theologisch nicht besonders viel mit der im Iran und Irak verbreiteten Zwölfer-Schia gemein. Gleiches gilt für die Huthis, die den Zaiditen angehören, einer eigenständigen Strömung im schiitischen Islam. Mindestens genauso wenig einheitlich ist jedoch auch das sunnitische Lager, das von Saudi-Arabien angeführt wird.

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