Seyran Ateş kämpft für einen liberalen Islam und wird bedroht: Es geht nur um Macht


In keiner Moschee konnte Seyran Ateş bisher ihren Glauben frei und selbstbestimmt praktizieren. Also gründete sie einfach selbst eine und erhält dafür jeden Tag Morddrohungen. Ihren Mut verliert sie deshalb noch lange nicht, im Gegenteil: Sie kämpft umso entschlossener für einen liberalen Islam.

Von Nadine Pungs | hpd.de

Männer im Anzug und mit Knopf im Ohr geleiten sie zur Bühne. Sie trägt Rot, eine Farbe wie ein Ausrufezeichen, und was sie sagt, empfinden ihre Gegner als Affront. Rechtsradikale und muslimische Fundamentalisten wünschen ihr gleichermaßen Vergewaltiger und Teufel an die Gurgel. Dabei verlangt Seyran Ateş gar nicht viel; nur Mündigkeit. So wie es bereits Immanuel Kant und Theodor W. Adorno getan haben. Ihren Vortrag in der Düsseldorfer Jazz-Schmiede beginnt sie daher mit einem Zitat, das zwar schon ein halbes Jahrhundert auf dem Buckel hat und doch aktuell wie nie daherkommt. Adorno sagte einst: „Die Forderung zur Mündigkeit scheint in einer Demokratie selbstverständlich.“ Dies sei ein Kernsatz, verdeutlicht Ateş, denn ohne Mündigkeit gebe es keine Aufklärung. Und für aufgeklärte Muslime sei der Islam mit der Demokratie vereinbar, die Trennung von Staat und Religion gehöre anstandslos dazu. Spiritualität und Aufklärung müssen sich nicht widersprechen. Ist der Islam etwa doch reformierbar?

Keine Solidarität von links

Seyran Ateş ist gläubige Muslimin. „Spiritualität hilft mir im Leben“, erklärt sie. Und dennoch – oder gerade deswegen – betrachtet sie den Koran und die Hadithen kritisch. Der historische Kontext sollte stets berücksichtigt werden, das gelte ja auch für die Bibel. „Ich stelle mir immer die Frage, welchen Zweck hatte eine Sure im 7. Jahrhundert und welchen Zweck erfüllt sie heute. Es gibt Dinge, die muss man in der Vergangenheit lassen.“ Wer Religion als persönliche Beziehung mit Gott verstünde und niemanden damit belästige, und für wen die Menschenrechte und das Grundgesetz unumstößlich sind, der lebe einen liberalen Islam. Das sei möglich, liberale Christen und Juden machen es vor.

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