Libyen: „Sintflut der Würde“ gegen den „Vulkan des Zorns“


Screenshot, LNA-Propagandavideo/Twitter Oded Berkowitz
Die Operationen tragen kraftvolle, ja pathetische Namen. „Sintflut der Würde“ heißt es etwa bei jenen, die seit nunmehr bald drei Wochen eine militärische Offensive vortragen und von Osten und Süden her in Richtung der libyschen Hauptstadt vorstoßen. „Vulkan des Zorns“ lautet die Bezeichung für die Gegenoffensive, die darauf antwortet.

Bernard Schmid | TELEPOLIS

Gut 400 Tote kosteten die Kämpfe, die durch das Vordringen des Generals – er lässt sich seit September 2016 auch als Marschall titulieren – Khalifa Haftar auf Tripolis seit Anfang April ausgelöst wurden. Innerhalb der ersten vierzehn Tage wurden dabei auch acht Krankenwagen im Kampfgebiet beschossen; drei Ärzte und vier Mitglieder von Rettungspersonal verloren ihr Leben.

„Tripolis befreien!“

Erste Truppenbewegungen bei der „arabischen Libyschen Nationalarmee“, englisch LNA abgekürzt – wie Khalifa Haftar seine Truppe taktisch geschickt taufte, obwohl sie jedenfalls bislang keine reguläre staatliche Streikkraft darstellt – in Richtung Nordwesten fanden in der Nacht vom 03. zum 04. April dieses Jahres statt. Am Abend des 04. April erteilte Haftar, wie er in einer bei Facebook veröffentlichten Audiobotschaft bekannt gab, dann offiziell den Befehl zum Vorrücken. Der Angriffsbefehl lautete: „Tripolis befreien!“

Es gelte, so führte der 75jährige Kriegsherr aus, die Stadt von „Terroristen“ zu säubern, Milizen und illegale Herrschaftsträger aus ihr hinauszufegen. Und er kündigte an: „Wir werden den Boden unter den Füßen der Tyrannen beben lassen, die Akte der Ungerechtigkeit und der Verderbtheit in diesem Land begangen haben.“ Der Moment sei gekommen, „auf den Appell unserer Brüder in Tripolis zu antworten“, die sozusagen einen Ruf nach brüderlicher Hilfe abgesetzt hätten.

Einwohner der Stadt sehen das jedoch anders und fürchten, eine Einnahme der Stadt durch die Soldaten Haftars könne zur Errichtung einer Militärdiktatur etwa nach dem Vorbild der Herrschaft des Ägypters Abdelfattah Al-Sissi führen. Von Radio France International (RFI) interviewte Ladenbetreiber äußerten sich über die Milizen, die im Rahmen der Tripolis protection force (TPF) als Verteidiger der Hauptstadt auftreten, ebenso abschätzig wie über Haftar und seine Gefolgsleute.

Ausbau der Machtbasis

Zu Letzteren zählen viele frühere Berufsmilitärs des alten Regimes unter Mu’ammar al-Qadhafi (eingedeutscht Gaddafi), des von 1969 bis 2011 regierenden selbsternannten Massenführers, im Offiziersrang. Haftar selbst ging aus den Strukturen dieses Regimes hervor, dem er lange als führender Offizier diente, bis er in den 1980er Jahren infolge libyscher Niederlagen im südlichen Nachbarland Tschad – wohin Gaddafi militärisch zu expandieren versuchte, wogegen Frankreich ab 1984 Krieg führte – in Ungnade fiel.

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