Warum Europa eine Festung ist


Jan Assmann. APA/ROLAND SCHLAGER
Traumata des Monotheismus und die Festung Europa. Der deutsche Kulturwissenschaftler Jan Assmann spannt einen historischen Bogen von Moses bis in die politische Gegenwart: Europa, so Assmanns These, habe seine friedensstiftenden Wurzeln vergessen.

Interview: Maria Scholl | science.ORF.at

APA: Sie haben gestern in Wien eine Vorlesung über die Moses-Figur im Denken Freuds und Schönbergs gehalten. Die beiden beschäftigten sich mit Moses in einer Zeit, in der der Antisemitismus in Europa radikal zunahm. Was bezweckten sie damit?

Jan Assmann: Bei beiden ist es eine Sache der Selbstanalyse – sie wollten sich über ihr Judentum klar werden. Während aber Schönberg Zionist war und eine ziemlich nationalistische Vorstellung verfolgte, lagen Freud politische Ziele völlig fern. Er wollte seine Theorie vom Vatermord und vom Monotheismus als Zwangsneurose darlegen. Dabei macht er Mose zum Ägypter – das macht man nicht leichten Herzens. Er war sich natürlich im Klaren darüber, dass das aus jüdischer Sicht eine unglaubliche Häresie ist. Aber er war einfach von seiner Theorie so überzeugt, dass er der Versuchung nicht widerstehen konnte.

Sie haben sich mit Freud und seinem „Der Mann Mose und die monotheistische Religion“ schon mehrfach auseinandergesetzt. Was hat er Ihnen über Mose beigebracht?

Meine Begegnung mit Freud datiert ins Jahr 1987. Er hat mir über Mose nichts beigebracht. Aber er hat mich mit der Frage konfrontiert, welche historischen Erfahrungen hinter der Entwicklung des Monotheismus stehen. Seine Antwort ist der Vatermord in der Urhorde. Meine Antwort sind die zeitgenössischen Erfahrungen ab dem achten vorchristlichen Jahrhundert, die absolut traumatisch waren. Vor allem, was die Vorherrschaft Roms betrifft. Diese Traumata haben sich in das Judentum, und darüber später in das Christentum und den Islam tief eingeprägt. Das Rom-Trauma liegt in der DNA des Monotheismus.

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