„Das Gejammer der Umweltverbände ist blanker Unsinn“


Porsche Mission E concept car auf der IAA 2015. Das Serienmodel „Taycan“ soll bis zu 680 PS haben und den Wagen von 0 auf 100 km/h in weniger als 3,5 s beschleunigen, die Höchstgeschwindigkeit über 250 km/h liegen. Bild: s.yuki / CC-BY-2.0
Der Verkehrsexperte Winfried Wolf über Elektromobilität als neuen Hype, Enteignungen der Autokonzerne und die Alternative einer „umweltverrträglichen Stadtmobilität“

Reinhard Jellen | TELEPOLIS

Zu Teil 1: „Neuer Reform-Furz“

Winfried Wolf kritisiert in seinem Buch „Mit dem Elektroauto in die Sackgasse“ die Fixierung auf das Elektroauto zur Behebung der Klimaerwärmung.

Herr Wolf, was hat China mit dem E-Auto-Boom zu tun?

Winfried Wolf: Man kann die Euphorie über Elektromobilität nur verstehen, wenn man die weltweite Situation des Kapitalismus im Allgemeinen und die der Weltautoindustrie untersucht. China ist die absolut entscheidende aufsteigende Wirtschaftsmacht. Das Land hat es in so gut wie allen Industrie- und Dienstleistungssektoren geschafft, an die Spitze der jeweiligen Branche vorzustoßen: mit Lenovo im PC-Bereich, mit Huawei im Bereich Telekommunikation und Smartphones, mit kuka im Bereich Robotorisierung und Automatisierung, im Bereich Hochgeschwindigkeitszüge mit CRRC.
Nur ausgerechnet im Bereich der Autoindustrie gibt es China faktisch nicht. Es gibt keinen einzigen großen chinesischen Autokonzern, der an der Spitze der Weltautobranche mitmischen würde. Geely mit Volvo (und Proton) ist da immer noch ein Nischenanbieter. Doch die Autoindustrie ist nun mal seit rund hundert Jahren die Schlüsselindustrie des Weltkapitalismus. Das sieht auch die chinesische Partei- und Staatsführung so. Sie identifizierte 2017 den Sektor der „New Energy Vehicles“ (NEV) als „eine von zehn Industrien, in der China einen nationalen Champion, der auf dem Weltmarkt wettbewerbsfähig ist, schaffen will“1. Deshalb gilt in China seit dem 1. Januar dieses Jahres die Quote. Nicht die Frauen-, aber die Autoquote: 10 Prozent aller Pkw, die in China gebaut, verkauft oder importiert werden, müssen Elektroautos sein (oder Brennstoffzellen-Pkw oder Hybrid-Pkw, also solche mit Verbrenner- und E-Motoren). Ab 1.1.2019 sind es 12 Prozent. Später wird die Quote noch höher liegen.
Die ganz großen US-amerikanischen, japanischen und deutschen Autohersteller schaffen diese Quote zunächst nicht. VW zum Beispiel müsste 2019 rund 400.000 Elektro-Autos in China auf den Markt bringen – 10 Prozent des gesamten Absatzes. Das ist aktuell technisch noch nicht machbar. Macht nichts, sagt die chinesische Führung. Das ist wie im Mittelalter beim Ablaßhandel; es gilt Johann Tetzel: „Sobald der Gülden im Becken klingt im huy die Seel im Himmel springt“. Die Autokonzerne können sich zunächst mit „credits“ freikaufen – hunderte Millionen US-Dollar an Strafgeldern, die an die chinesische Konkurrenz zu zahlen sind.

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