Denken, wie zu denken und zu leben sei


Ihre Philosophie hat sie immer auch gelebt: Ágnes Heller. Bild: Picture-Alliance
Als Fünfzehnjährige entkam sie in Budapest knapp dem Holocaust. Sie wurde die engste Mitarbeiterin von Georg Lukács. Heute wird die Philosophin und öffentliche Intellektuelle Ágnes Heller neunzig.

Von Josef Mitterer | Frankfurter Allgemeine Zeitung

Geschick, Mut und Glück retteten Ágnes Heller im Jahr 1944 in Budapest mehr als einmal das Leben. Die damals Fünfzehnjährige war schon eingereiht in eine Kolonne zum Bahnhof, von dem die Züge nach Auschwitz fuhren, wo ihr Vater umkam. Doch plötzlich bot sich eine Gelegenheit, sie sprang mit ihrer Mutter auf eine langsam vorbeifahrende Straßenbahn. Und als die Juden an der Donau erschossen wurden, da hörte das Morden auf, bevor sie an die Reihe kam. Nach dem Krieg wird Ágnes Heller dann Studentin, schließlich die engste Mitarbeiterin von Georg Lukács und zu einem führenden Mitglied der Budapester Schule.

Ihre Philosophie hat Ágnes Heller immer auch gelebt. Opportunistische Kompromisse sind ihre Sache nicht. Kritisches Denken und öffentliches Engagement brachten sie immer wieder in Konflikt mit den politischen Regimes, von denen sie im Laufe ihres Lebens einige miterlebt hat. Aus der kommunistischen Partei, der sie mit achtzehn Jahren beigetreten war, wird sie schon zwei Jahre später wieder ausgeschlossen. Durch die Beteiligung an der Revolution von 1956 und ihre Weigerung, Lukács zu denunzieren, verliert sie ihre Professur an der Universität. Dazu kommen Reise- und Publikationsverbote, Hausdurchsuchungen und Bespitzelung. Im August 1968 unterzeichnet sie einen Aufruf gegen den Einmarsch der Truppen des Warschauer Paktes in die Tschechoslowakei. Wieder wird sie entlassen, diesmal von der Akademie der Wissenschaften.

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