Judentum und Abendland: Das westliche Denken ist von Athen geprägt. Wo ist das Vermächtnis Jerusalems geblieben?


Die abendländische Philosophie ist nicht nur als Siegeszug des Platonismus, sondern auch als eine Geschichte des Protestes dagegen zu verstehen: Jürgen Habermas. (Bild: Martin Gerten / Keystone)
Das westliche Denken hat sich aus der Vorherrschaft der Religion befreit. Doch mit dem Siegeszug des Platonismus wurde ein Teil des Fundaments verschüttet: die jüdische Tradition. Jürgen Habermas’ neuestes Buch verspricht Klärung.

Jan-Heiner Tück | Neue Zürcher Zeitung

Es ist schon fast vergessen. Vor dreissig Jahren erschien in den «Zwischenbetrachtungen», der Suhrkamp-Festschrift zu Jürgen Habermas’ 60. Geburtstag, ein kleiner Aufsatz des Theologen Johann Baptist Metz, der eine Krise der Geisteswissenschaften diagnostizierte. Das Christentum habe in seiner formativen Phase einseitig auf das Denkangebot Griechenlands gesetzt und die Bedeutung des Glaubens in hellenistischen Kategorien ausbuchstabiert. Dabei sei das genuin jüdische Denkangebot aus dem Blick geraten, nämlich jene anamnetische Tiefenstruktur der Vernunft, die Denken als Andenken und geschichtliches Eingedenken begreife.

In dieser «Halbierung der Vernunft» sieht Metz 1989 den eigentlichen Grund für die Krise der Geisteswissenschaften, die sich durch Auschwitz noch einmal verschärft habe. Mit einem Seitenblick auf Habermas notiert er, dass dessen Theorie des kommunikativen Handelns das Denken unter «Gleichzeitigkeits­vorbehalt» stelle, die zeitgenössische Philosophie aber müsse die anamnetische Tiefenstruktur der Vernunft wiederentdecken, wenn sie sich erfolgreich gegen die instrumentelle Verkürzung der Rationalität wehren wolle.

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