Das Rätsel des Voynich-Manuskripts ist noch nicht gelöst: Der neueste Lösungsvorschlag lässt viele Fragen offen


Eine Schrift, die niemand lesen kann, und ein Text, den niemand versteht: Das Voynich-Manuskript ist schon so oft entschlüsselt worden, dass man skeptisch wird. Der jüngste Versuch überzeugt so wenig wie die bisherigen. (Bild: Imago)
Ein Lehrbuch der Pflanzenkunde soll es enthalten, das geheimnisvolle Voynich-Manuskript: Das behauptet ein englischer Romanist. Sein Deutungsansatz ist interessant. Doch seine Argumente sind nicht stichhaltig.

Felix Philipp Ingold | Neue Zürcher Zeitung

Der sogenannte Voynich-Codex, der seit 1969 in der Beinecke Library (Yale University) aufbewahrt wird, gilt als das «weltweit mysteriöseste Manuskript» aus dem europäischen Mittelalter – nicht umsonst. Das nicht ganz komplett erhaltene Konvolut, das sich in exzellentem Zustand befindet, wird auf das erste Drittel des 15. Jahrhunderts datiert, seine Überlieferungsgeschichte reicht zurück bis in die Zeit um 1600, als es nachweislich zur Sammlung Kaiser Rudolfs II. in Prag gehörte. Der Codex ist nicht datiert und trägt weder einen Verfassernamen noch einen Werktitel; er umfasst insgesamt 240 Seiten im Folioformat, ist reich und kunstvoll illustriert und enthält mehrere ausfaltbare Tafeln.

Anhand des Bildprogramms lassen sich Medizin und Hygiene, mediterrane Fauna und Flora, Vulkanologie (dazu Phänomene wie Erd- und Seebeben), Astrologie und Zeitmessung (Kalender) sowie Schifffahrt als vorrangige Themenbereiche ausmachen. Dabei fällt auf, dass weibliche Anliegen und Befindlichkeiten (Körperpflege, Menstruation, Schwangerschaft, Geburt, Abtreibung usw.) mit Vorrang behandelt werden. Auch bleibt die Menschendarstellung fast ausschliesslich auf Frauen und Kinder beschränkt. Von daher ist die These, die Gerard Cheshires vor einigen Tagen vorgebracht hat, durchaus einleuchtend: Der Text sei von Frauen eigens für Frauen erstellt worden.

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