Gender-Forschung: Wie schwanger können Männer werden?


Wem gehört denn nun der Bauch? Die Gleichstellung und moderne Rollenverteilung der Geschlechter wird vor allem in der Zeit der Schwangerschaft auf eine harte Probe gestellt. Bild: dpa
Die Debatte um Gleichberechtigung der Geschlechter und deren Diskriminierung ist so lebendig wie vielleicht noch nie. Ein Gender-Forscher identifiziert jedoch die Schwangerschaft als ein Hindernis auf dem Weg zur totalen Gleichheit.

Von Gerald Wagner | Frankfurter Allgemeine Zeitung

Gute Soziologie beginnt mit Erstaunen. Etwa darüber, dass sich die Arbeitsteilung in Paarbeziehungen nach der Geburt des ersten Kindes wieder retraditionalisiert: Mütter- und Vaterrollen werden sehr geschlechtstypisch ausgeformt. Frauen übernehmen die Kinderbetreuung, die Männer gehen arbeiten. Wenn man weiß, dass die Versorgerehe als Lebensform staatlicherseits gefördert und von den ökonomischen Verhältnissen belohnt wird, wirkt das allerdings gar nicht so erstaunlich.

Für den Gender-Forscher Stefan Hirschauer kratzen solche Erklärungsmuster bestenfalls an der Oberfläche des Phänomens. Ihm geht es um nicht weniger als um die Delegitimierung der biologischen Naturalisierung der Geschlechterdifferenz sogar während der Schwangerschaft und der unmittelbaren Zeit nach der Geburt. Selbst ansonsten längst emanzipierte Paare fallen in dieser Zeit zurück in eine mit körperlichen Unterschieden begründete Differenzierung von Elternrollen, die Hirschauer als eine „Vermutterung der Elternschaft“ anprangert. Warum, fragt Hirschauer, nehmen sich Paare gerade in dieser Zeit so stark als Mann und Frau wahr?

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