Wer den Rechtsstaat verteidigt, muss sich in acht nehmen – der #MeToo-Bewegung sind Grundrechte manchmal egal


Wer Mandanten wie Harvey Weinstein (sitzend) verteidigt, scheint heutzutage wie Ronald Sullivan (ganz links) Konsequenzen für die Karriere fürchten zu müssen. (Bild: Steven Hirsch / Reuters)
An der Harvard Law School wird ein renommierter Professor als Dekan abgesetzt, weil er Harvey Weinstein verteidigt. Der Fall zeigt, unter welchem Druck die Meinungsfreiheit an amerikanischen Universitäten steht.

Marc Neumann | Neue Zürcher Zeitung

Manchmal gibt es noch Konsens. Vor zwei Wochen wurde der amerikanische Starjurist und Harvardprofessor Ronald Sullivan als Dekan seiner Fakultät abgesetzt – pardon: nicht wiedergewählt. Der Fall stiess in den Medien auf grosses Echo. Anfang des Jahres war bekanntgeworden, dass er zum Team der Anwälte gehört, die Harvey Weinstein vor Gericht verteidigen.

Die Reaktionen kamen prompt: #MeToo-Aktivisten forderten, dass Sullivan als Studenten-Dekan abgesetzt wird. Die Universitätsleitung kam der Forderung nach. Sullivan bleibt Professor, musste aber als Dekan zurücktreten. Sullivans Frau Stephanie Robinson, ebenfalls Harvard-Professorin und ebenfalls Dekanin, musste auch den Hut nehmen. Wer einen mutmasslichen Vergewaltiger verteidigt, so lautet die Botschaft hinter der Massnahme, hat im Dekanat der Harvard Law School keinen Platz.

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